Erding – Selig schlummert Magdalena in den Armen ihrer Mama Simona Friedl-Svagerova. Das Mädchen aus Reithofen (Kreis Erding) ist erst seit ein paar Stunden auf der Welt und weiß deshalb nicht, dass es etwas Besonderes ist, dass sie eine waschechte Erdingerin ist. Ihre Mama konnte nur deshalb am Klinikum Erding entbinden, weil sich der Landkreis, seine Bürger und das Krankenhaus gegen das Gesundheitssystem gestemmt haben, in dem Geburtshilfe ein Draufzahlgeschäft ist und der Trend zu großen Geburtszentren geht.
Auch die Erdinger Entbindungsstation wäre dieser Entwicklung beinahe zum Opfer gefallen. „Im März 2017 haben unsere Hebammen geschlossen gekündigt“, sagt Birgit Plattner. Die Südtirolerin ist seit drei Jahren Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe. Sie haben vieles versucht, aber es half nichts, sagt sie. Ohne Hebammen keine Geburtshilfe: Ende Juni 2017 entschied der Vorstand, dass die Station geschlossen wird.
Eine Katastrophe für den Boomlandkreis, der seit Jahren in sämtlichen Rankings stets vorne mit dabei ist. Und für Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) nicht hinzunehmen. Wirtschaftlich stehe der Landkreis gut da, sagt er. „Es kommt aber auch auf die weichen Faktoren an. Da spielt eine Klinik mit Geburtshilfe eine zentrale Rolle.“
Auch die Patienten reagierten empört – noch dazu hatte Erding im Jahr 2016 eine der höchsten Geburtenzahlen überhaupt. Sofort nach der Schließung nahm eine Task Force Gespräche mit den Hebammen auf. Plattner und ihre Kollegen wollten wissen, was die Frauen zur Kündigung brachte. „Dabei habe ich gemerkt: Es ist nicht so, dass die Frauen nicht arbeiten wollen. Sie brauchen nur andere Arbeitsumstände“, sagt die Chefärztin.
Die Verantwortlichen gingen einen ungewöhnlichen Weg: Sie fragten, was die Hebammen brauchen, um gut arbeiten zu können. Und sie hörten auf das, was die Hebammen zu sagen hatten. Dazu gehörten besser aufgeteilte Räume, aber auch, dass die Hebammen mehr Zeit für die einzelnen Frauen haben.
„Wir haben wiederum die Zeit genutzt, um uns besser aufzustellen“, sagt Landrat Bayerstorfer. Die Reaktionen der Bevölkerung hätten gezeigt, dass die Erdinger ihre Geburtshilfe behalten wollen. „Unser Ansatz war klar: Das wollen wir, und das lassen wir uns was kosten.“ Also nahm der Landkreis 200 000 Euro in die Hand, der Kreißsaal wurde umgebaut und modernisiert, Stellen für sechs Kinderkrankenschwestern geschaffen. Die Schwestern übernehmen Bereitschaftsdienste, die Aufgaben während der Schicht teilen sie mit den Hebammen auf.
Im November 2017 wurde die Geburtshilfe wiedereröffnet. Zehn Hebammen arbeiten inzwischen wieder am Klinikum. Wie erfolgreich das Erdinger Team ist, lässt sich in Zahlen belegen: 2018 wurden 577 Erdinger geboren, dieses Jahr waren es bereits über 150. Oberärztin Irene Brotsack leitet den Kreißsaal. „Während der Schließung haben uns die Leute angefleht, dass sie bei uns entbinden dürfen“, sagt sie. Ein emotionales Thema. Allein der Eintrag „Erding“ beim Geburtsort mache für viele viel aus.
Der Betrieb bleibt defizitär. 1000 Geburten bräuchte es, damit die Station rentabel ist. „Das darf doch nicht entscheidend sein. Wenn die Hälfte der 1300 Babys, die im Jahr bei uns auf die Welt kommen, hier geboren würde, wäre es ein sehr großer Erfolg“, sagt der Landrat. 600 000 bis 700 000 Euro zahle der Landkreis jährlich drauf. „Aber das ist es uns wert.“
Das Klinikum Erding arbeitet mit dem Kinderkrankenhaus St. Marien Landshut zusammen, hat einen Kinderarzt von dort in Bereitschaft. „Wir machen hier eine schöne, bodenständige Geburtshilfe, wir nehmen uns Zeit“, sagt Irene Brotsack. Die Kaiserschnittrate liege bei 20 Prozent, das spreche für sich. Auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter sei ein Faktor.
Petra Schwarz ist Hebamme, sie schwärmt von der Arbeit in der neu gestalteten Geburtshilfe. Und von den Kinderkrankenschwestern, die sie sehr entlasten: „Wir können uns auf unsere eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Das ist ein Luxus. So etwas Wunderbares kenne ich aus keinem anderen Haus.“ Den Wechsel nach Erding bereue sie nicht.
Der Kreistag hat die Klinik vor Kurzem wieder ins Landratsamt eingliedert. „Ich kann nicht immer sagen, das ist defizitär, das geb ich ab,“ sagt Martin Bayerstorfer. Ein Plus-Minus-Null sei nicht zu erwarten und nicht der Maßstab. „Ich erkenne großes Engagement und Leidenschaft, darum glaube ich, dass die Geburtshilfe dauerhaft erhalten wird.“ Und es noch mehr waschechte Erdinger wie Magdalena Friedl geben wird.