Kreative Kirchen in Corona-Zeiten

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS

München – 6000 Tütchen mit in Weihwasser getränkten Tüchern verschickt das Münchner Erzbistum zu Ostern an Senioren. Als Zeichen der Zuversicht für alte und kranke Menschen, die nicht zur Kirche gehen können. „Vielen Senioren ist Weihwasser aufgrund der eigenen Lebensgeschichte vertraut und wichtig. Für viele ist derzeit der Zugang dazu erschwert“, sagt die Leiterin der Seniorenpastoral, Adelheid Widmann. „Und sie freuen sich sehr über ein Zeichen der Zuwendung.“ Auch Kardinal Reinhard Marx wendet sich an die von Corona besonders stark betroffenen Gruppe. „Gehen Sie – vom Gott des Lebens berührt – weiter in Ihrem Leben, auch mit den Corona-Lasten“, ermuntert er in einem Schreiben. „Diese Bewegung hin zur Zuversicht und Hoffnung wünsche ich Ihnen zu diesem Osterfest von Herzen.“ Die Ostererzählung könne ermutigen, zuversichtlicher umzugehen. Denn als Christ glaube man an einen Gott, „der an der Seite der Menschen ist, der das Leben liebt und der uns auch in dieser jetzigen Zeit nicht alleinlässt“.

Einen ganz eigenen Blick auf die Leidensgeschichte Jesu ermöglichen sechs Frauen in der Gemeinde St. Josef in Puchheim (Kreis Fürstenfeldbruck). Unter der Leitung der Werkpädagogin Gabriele Schlüter haben sie einen Kreuzweg gestaltet, der schon wegen seiner Materialien auffällt: altes Holz, Stacheldraht, Mullbinden, rostige Nägel. Sammelstücke aus dem Schuppen von Gabriele Schlüter: „Alte Schieferplatten sind aus meinem Elternhaus. Der Corpus Christi stammt vom Sterbekreuz meiner Großmutter.“ Aus Holzbrettern mit Kerben tief wie Sorgenfalten, ein wenig Farbe, Stoff und roten Fäden haben die Frauen 13 Kreuzwegstationen in Form von Stelen gestaltet und mit Texten versehen, die die Betrachter anrühren sollen.

„In Corona-Zeiten war mir wichtig, dass Kirche mit ihrer Botschaft nach draußen gehen muss, weil das etwas mit unserem Leben zu tun hat“, sagt Schlüter, die auch in der Frauenseelsorge des Erzbistums mitarbeitet. Die Lehrerin hat sich zur Werkpädagogin weiterbilden lassen. Sie hilft Menschen, indem sie mit ihnen etwas gestaltet, „was ihnen auf der Seele liegt“. Diese Intention ist in den Kreuzweg eingebaut. „Was hilft mir, in meinem Leben weiterzugehen? Was gibt mir Mut?“ sind Fragen, auf die die Betrachter Antworten finden sollen. In einer zerbrochenen Spiegelscherbe über dem Körper des Gekreuzigten kann der Betrachter sich selber sehen, aber auch in den Himmel schauen. „Das eröffnet neue Perspektiven“, will die 68-Jährige zeigen. Schlüter versteht sich als eine Art Dolmetscherin des Glaubens. Vermittlung der Botschaft könne nicht nur durch die Liturgie und in Kirchenräumen geschehen. Bis Ende April kann der Kreuzweg (hinter der Kirche St. Josef, Am Grünen Markt 2, in Puchheim) besichtigt werden.

Nachdem es im vergangenen Jahr wegen Corona nicht möglich war, hat die Kolpingfamilie Wolfratshausen alles darangesetzt, das Heilige Grab in der idyllisch gelegenen Dreifaltigkeitskapelle im Bergwald wieder aufzubauen. Unter Beachtung strenger Hygiene-Regeln können Gläubige das Heilige Grab an den Ostertagen besuchen.

Und Rainer Maria Schießler, der für seine ungewöhnlichen Gottesdienste bekannte Pfarrer von St. Maximilian in München? Wie feiert er mit seiner Gemeinde Ostern? Nachdem St. Max wegen Renovierungsarbeiten geschlossen wird, wollte er die Karwoche und Ostern in der Alten Kongresshalle gestalten, mit 120 Teilnehmern, Maske und Abstand. Dann kam der Oster-Lockdown. Streamen war zu teuer. Kommando zurück, bis Dienstag nach Ostern darf St. Max noch betreten werden. „Also feiern wir die Gottesdienste auf der Baustelle.“ Alles ist bereits mit Planen verhüllt. Ein leerer Raum. Als die Kehrtwende der Kanzlerin kam, entschied Schießler: „Wir lassen das jetzt. Wir feiern die Gottesdienste mit 80 bis 90 Leuten in unserer Kirche.“ Asyl im eigenen Haus, scherzt er. Gestreamt wird Gründonnerstag um 20 Uhr, Karfreitag (15 Uhr) und Ostersonntag (11 Uhr). „Die ganze Baustelle, die Brüchigkeit – das passt genau in die Pandemiezeit und noch dazu in die Situation der Kirche.“ Und dazu kommt die Auferstehung. Könnt nicht besser passen.

Artikel 5 von 11