Gepflegtes Bairisch im Krankenhaus

von Redaktion

Fühlt sich schon fast dahoam: Remar Gale.

Über einige bairische Wörter müssen die ausländischen Pflegekräfte im Kurs ganz schön schmunzeln.

Der Dialekt-Profi: Der Bairisch-Lehrer Thomas Mayer bringt den Pflegeschülern bairische Begriffe bei. © Marcus Schlaf (3)

Straubing – Es ist noch nicht einmal Mittag und Remar Gale hat schon dutzende neue Wörter gelernt. Immer wieder zieht er sein Handy aus der Tasche, macht ein Foto von den bairischen Begriffen an der Tafel. Gerade stehen dort Verben, die er im Alltag eigentlich alle gut brauchen kann: ratschn, daugn, bieseln, pressieren, luang, mosan, dratzn. Er will sich so gerne alles davon merken. Der 38-Jährige ist erst vor zwei Monaten von den Philippinen nach Bayern gekommen. Deutsch lernt er erst seit einem halben Jahr. Er spricht sehr gut, versteht fast alles. Aber als er in Niederbayern ankam, war er sich kurz nicht sicher, ob er wirklich im richtigen Sprachkurs gesessen hatte. Inzwischen hat er sich ein bisschen an den Dialekt gewöhnt, ihm gefällt das Bairische. Und er hofft, dass er bald ein bisschen mehr davon bei seiner Arbeit einsetzen kann.

Remar Gale ist Krankenpfleger und mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland gekommen. Wie viele seiner Kollegen auch. Das Straubinger Klinikum hat seit 2016 rund 170 Pflegekräfte aus 20 Ländern rekrutiert. Sie haben in ihrer Heimat die Ausbildung gemacht und die Sprache gelernt. Vom Klinikum bekommen sie Apartments vermittelt, auch hier gibt es für sie einen Sprachkurs. Es gibt ein Integrationsteam, das sie zu Ämtern begleitet und ihnen durch das Anerkennungsverfahren hilft. Und einmal im Jahr organisiert das Krankenhaus für die ausländischen Pflegekräfte einen Bairisch-Kurs.

Dann kommt Thomas Mayer ins Spiel. In Niederbayern ist er bekannt als der Kabarettist „da Vogelmayer“. An der Volkshochschule gibt er Bairisch-Kurse für Zugereiste. „Keiner lernt in zwei Stunden, Bairisch zu sprechen“, sagt der 43-Jährige. Aber er weiß, dass im Klinikum oft Patienten versorgt werden, die tiefsten Dialekt sprechen. „Ich will den Pflegekräften die Angst vor dem Bairischen nehmen.“ Er hat nicht nur Wörter wie Gnack, Haxn oder Kreizwäh für sie, um ihnen den Alltag leichter zu machen. Er möchte ihnen auch die Mentalität etwas näherbringen. Oder wie er im Kurs sagt: „Erklären, wia ma in Bayern tickn.“

Heute sitzen 15 junge Männer und Frauen vor ihm. Sie kommen aus Tunesien, Indien, Rumänien, der Ukraine oder den Philippinen. „Griaß God beinand“, sagt er. „So begrüßt man sich bei uns in Bayern.“ Hawe dere ist natürlich auch erlaubt. Die ersten schmunzeln. Mayer trägt Lederhose, wenn er die Kurse hält. Denn viele Teilnehmer haben die bayerische Tracht noch nie gesehen. Auf Hochdeutsch erklärt er ihnen das weiß-blaue Wappen und wie Bayern dank König Ludwig I. zu dem „y“ im Namen kam. Als er schließlich anfängt, ihnen ein paar typische Dialekt-Laute aufzuzählen, wird laut gekichert. Immer mehr Handys sind auf Mayer gerichtet. Ein Gscheidhaferl ist ein Klugscheißer, erklärt er. Die meisten Pflegekräfte hören auch das Wort Klugscheißer gerade zum ersten Mal. Und noch mehr fragende Blicke werden ausgetauscht, als Mayer erklärt, dass Spezi in Bayern ein Getränk ist, aber auch die Bezeichnung für Freund. Noch mehr Lacher bekommt er, als er die Richtungen erklärt: aufe, obe, hinte, viere, umme…

Zum Schluss teilt Mayer eine Übersicht mit bairischen Worten aus. Anastasiia Kurakina traut sich, die Farben auf Bairisch laut vorzulesen. Sie meistert es fast fehlerfrei. Gäib, grea, rood. Bloß bei gscheckad braucht sie zwei Anläufe. „Ich bin im Krankenhaus fast jeden Tag in einer Situation, in der Bairisch gesprochen wird und ich Patienten bitten muss, den Satz noch einmal langsam zu wiederholen“, sagt sie. Die 23-jährige Russin ist dankbar, dass sie nun ein paar Worte kennengelernt hat. „Basst scho“ gefällt ihr am besten. Das wird sie vielleicht gleich heute in ihrer Schicht einmal ausprobieren.

Remar Gale hat sich auch einen Begriff gemerkt: „Gfreid mi“. Er lacht. Und „Spazl“ gefällt ihm auch. Das kannte er allerdings vor dem Kurs schon. Hat ihm eine Kollegin beigebracht. „Die Patienten sind alle sehr geduldig und nett, wenn wir etwas nicht verstehen“, sagt er. Obwohl er erst seit Kurzem in Bayern lebt, fühlt er sich hier narrisch wohl. Zum Abschluss des Kurses spielt Thomas Mayer seinen Schülern noch ein bayerisches Lied auf der Gitarre vor und packt dafür sein komplettes Bairisch-Spektrum aus. Remar Gale filmt alles mit. Das muss er einfach seinen Freunden auf den Philippinen schicken. Glaubt ihm ja sonst keiner, an was für einem verrückten, aber liebenswerten Ort auf der Welt er gelandet ist.

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