Mit Volldampf in die Vergangenheit

von Redaktion

Legendäre Dampflok 70 083 heizt in Sonderfahrten durch Bayern – auch in München

Schlemmen im restaurierten Zugwaggon können Passagiere auf bequemen Holzbänken. © Marcus Schlaf (4)

Wieder aufgefüllt: Bei einer Pause im Bahnhof Aichach tankt die Dampflok 70 083 Wasser für den Kessel.

Hitzige Angelegenheit: Heizer Ralph Schlumbaum schaufelt Kohle in die Feuerbüchse.

Augsburg – Die Hebel klappern, der Kessel brodelt und es riecht nach verbrannter Kohle – die Dampflok 70 083 steht mit fünf Waggons am Bahnsteig des Augsburger Hauptbahnhofs und ist bereit zur Abfahrt. „In den Sonderzug nach Aichach einsteigen bitte!“, tönt es aus einem Lautsprecher. Kurz darauf dröhnt das typische Pfeifen und eine dunkelgraue Rauchwolke macht sich im gesamten Bahnhof breit.

Die Lok beginnt zu arbeiten, die großen roten Treibräder rattern über die Schienen – immer schneller und immer lauter. Sie fährt. Akribisch schaut Lokführer Christian Ewald durch die runden Fenster im Führerhaus nach vorn auf die Fahrbahn und entlang des Zugs nach hinten. Dann blickt er vor sich auf die Instrumente. „Abfahrt in Ordnung!“, ruft er Ralph Schlumbaum zu. Der ist als Heizer für die Befeuerung des Kessels im Führerhaus verantwortlich. „Abfahrt in Ordnung“, bestätigt er.

In einer von etwa zehn Fahrten pro Jahr macht sich die Dampflok 70 083 auf den Weg von Augsburg nach Aichach und wieder zurück. Der Bayerische Localbahn Verein (BLV) organisiert die Sonderfahrten für Begeisterte. Als letzte ihrer Baureihe zählt die Lok aus dem Jahr 1913 zu den ältesten betriebsfähigen Dampflokomotiven in ganz Deutschland. Sie war lange als Denkmal ausgestellt, ehe sich der BLV um ihre Instandsetzung kümmerte und sie zurück auf die Schienen brachte.

Bei der Fahrt nach Aichach zieht die Dampflok fünf originalgetreu restaurierte Personenwagen aus den 1920er-Jahren – darunter ein Speisewagen. Etwa 220 Menschen haben Platz. Etliche weitere stehen am Fahrbahnrand, beobachten und fotografieren die Lok aus der Ferne.

Im drei Meter breiten Führerhaus ist es eng. Christian Ewald steht in Fahrtrichtung links, Ralph Schlumbaum rechts. In ihrer Mitte ragt die Feuerbüchse des riesigen Kessels hervor, am Boden liegen kartoffelgroße Kohlestücke. Keine zehn Minuten ist der Zug unterwegs, als Ralph Schlumbaum das runde Türchen der bis zu 1400 Grad heißen Büchse öffnet. Orange Flammen schießen ihm entgegen, im Führerhaus wird es schlagartig heißer. Schlumbaum schaufelt immer weiter Kohle nach. „Es muss heiß bleiben, um aus dem Wasser genügend Dampf zu erzeugen.“

Der Druck des Dampfs treibt die Lok an. Mithilfe eines Hebels über der Feuerbüchse kann ihn Schlumbaum regulieren. So kann die Lok Steigungen und Talfahrten ausgleichen. Während der Heizer fleißig schaufelt, sagt Lokführer Ewald: „Wenn es ebenerdig ist, ist der Kessel gnädig. Wenn nicht, muss man öfter Kohle nachfüllen.“ Er behält währenddessen den Wasserstand im Kessel im Auge. Wenn der zu niedrig ist, besteht Explosionsgefahr. Auf der Fahrt nach Aichach verbraucht die 38 Tonnen schwere Dampflok etwa vier der sechs geladenen Kubikmeter Wasser. Am Zielbahnhof wartet bereits die Feuerwehr, um den Tank wieder aufzufüllen. Die Kohlekapazität von 1,3 Tonnen reicht für Hin- und Rückfahrt aus, etwa 500 Kilogramm werden pro Fahrt verbrannt.

Als der Zug in Aichach einfährt, warten bereits einige Dampflokfanatiker. Darunter auch Julian Kappler mit seiner Partnerin Kerstin Burghaus und den Kindern Oliver und Lukas. Sie kommen aus München und haben einen Ausflug zu Kapplers Eltern nach Aichach gemacht – „die perfekte Gelegenheit, um mit der Lok zu fahren“, sagt Kappler. „Dampfloks finden wir schon immer interessant.“

Im Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München hat die Familie Loks wie die 70 083 bereits anschauen können. „Jetzt mitzufahren, ist etwas ganz Besonderes“, sagt Kappler. Er hat als Kind selbst eine ähnliche Spielzeug-Lok gehabt. Sein Sohn Oliver spielt gerne mit einer Lokomotive, die sogar echten Dampf aus destilliertem Wasser erzeugt. Um das Spektakel auf keinen Fall zu verpassen, hat sich die Familie deshalb schon sehr früh ihre Tickets gekauft. „Wir haben das Ticket Nummer vier ergattert“, sagt Kappler stolz.

Fahrgeldsicherer Wolfgang Jaschik nickt auch die Tickets von Familie Kappler beim Einsteigen ab. Jaschik ist Zugbegleiter in Rente und arbeitet ehrenamtlich für den BLV. Die Fahrten mit den alten Lokomotiven bereiten ihm ganz besonders viel Freude. „Es gibt Fahrten über das ganze Jahr hinweg“, sagt er. „Im Winter werden die Waggons beheizt.“ Die Lok fährt auch zu Christkindlmärkten im bayerischen Oberland.

Alle Fahrscheine sind abgesegnet, der Wassertank ist nachgefüllt. Das Pfeifen ertönt und der Zug macht sich auf den Weg nach Augsburg.QUIRIN WULLRICH

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