Die Dachauer Freund-und-Helfer-Schmiede

von Redaktion

Boom bei der bayerischen Polizei. Immer mehr junge Menschen wollen Freund und Helfer werden. Ein Rekord jagt den nächsten. Allein bei der Bereitschaftspolizei Dachau sind es derzeit 600 Auszubildende. Was macht den Beruf gerade jetzt so beliebt? Wir haben drei Polizeischüler begleitet.

VON TOM ELDERSCH

Dachau – Zwei Autos stehen Stoßstange an Kotflügel vor einer Parkplatzzufahrt in der Dachauer Innenstadt. Die beiden Fahrer beleidigen und schubsen sich. Polizist Marlon Jaeschke und ein Kollege sind vor Ort, parken ihr Auto und sprinten zum Unfallort. Energisch wirft sich der großgewachsene Jaeschke zwischen die beiden Männer und redet beruhigend auf sie ein. „Bleiben Sie ganz ruhig und erzählen mir erst einmal, was passiert ist“, sagt Jaeschke.

Doch die Unfallbeteiligten beruhigen sich nicht. Einer schubst den Polizisten. Der reagiert blitzschnell, bringt sein Gegenüber zu Boden und legt ihm Handschellen an. „Stopp!“, ruft jemand aus dem Hintergrund. Die Situation löst sich auf. Es war kein echter Unfall. Polizeischüler der Dachauer Bereitschaftpolizei haben den Ernstfall geübt. Der Mann, der die Szene beendet, ist ihr Ausbilder.

Marlon Jaeschke, 21, Quirin Ilmberger, 22, und Sophia Mäckle, 22, sind drei von 1755 im letzten März vereidigten Polizeischülern in ganz Bayern – ein Rekordjahrgang. Wie viele ihrer Mitschüler sind sie über Umwege zur Polizei gekommen. Jaeschke hat zuvor Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Mäckle Politik und Recht studiert. Quirin Ilmberger hat eine abgeschlossene Lehre als Bankkaufmann.

Die bayerische Polizei ist als Arbeitgeber gerade beliebt wie nie. 2018 wurden 1800 neue Kollegen eingestellt, auch das ein Rekord. Beworben haben sich 18 500, das sind viel mehr als im Jahr davor. Dass sich derzeit so viele junge Menschen für die Polizei entscheiden, begründet Jaeschke so: „Man arbeitet für den Staat, unbefristet. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich.“ Aber auch die Abenteuerlust lockt viele an.

Für Quirin Ilmberger ist es vor allem die digitale Offensive der Polizei. Man kann sich seit zwei Jahren online bewerben und „in bestimmten Facebook-Gruppen kann man Beamten alle Fragen, die man über die Ausbildung hat, stellen“, sagt er.

Den Plan, in den Staatsdienst einzutreten, hatten die drei schon länger gefasst. Sophia Mäckles Freund ist ebenfalls Polizist. Sie selbst sucht, nachdem sie bereits für einen Rettungsdienst gearbeitet hat, eine Herausforderung, bei der sie auch Menschen helfen kann.

„Meine Freunde haben zwar öfter mal Witze über die Polizei gemacht“, sagt Marlon Jaeschke. Jetzt sind sie aber alle stolz auf ihn. Quirin Ilmberger suchte einen Weg aus der Eintönigkeit. „Ich habe schon viele Bürojobs gemacht, aber mir fehlte immer die Abwechslung.“ Die hat er in der Polizeiausbildung gefunden.

Los geht es um sieben Uhr in der Früh mit Theorieunterricht. Etwas müde sitzen die Polizeischüler hinter ihren dicken Gesetzestext-Wälzern. Heute steht Verkehrsrecht auf dem Stundenplan. Anhand von Satellitenbildern aus Google Earth – in diesem Fall ein Kartenausschnitt des BMW-Werks in Dingolfing – sollen die Schüler die Vorfahrtsregeln beim Übergang von privatem zu öffentlichem Grund erklären. Für Sophia Mäckle ein Heimspiel. Ihre juristische Vorbildung macht sie besonders im theoretischen Teil zur Seminarbesten. Ohne nachzusehen, weiß sie: „Ein- und Ausfahren sind im Paragraf 10 der StVO geregelt.“

Nach einer Dreiviertelstunde endet der Unterricht, und die Theorie wird in die Praxis umgesetzt. An einer Kreuzung auf dem 70 Hektar großen Gelände der Bereitschaftspolizei stellen die Schüler ein Unfallszenario nach. Ein blauer BMW hat einem silbernen die Vorfahrt genommen. Nun müssen zwei Schüler unter Aufsicht der Ausbilder und unter den Blicken der Kameraden den Unfall aufnehmen. Gesprochen wird während des Rollenspiels nicht, doch Mäckle, Ilmberger und Jaeschke füllen Unfallaufnahmebögen aus. Zur Übung natürlich.

Bevor es um 12 Uhr zum Mittagessen geht, trainieren die Schüler den Umgang mit der Waffe. Diesmal auch mit einer Maschinenpistole. Es sind Trockenübungen ohne Munition, da bei der hohen Anzahl an Schülern die Zeit auf dem Schießplatz begrenzt ist. Dennoch sind alle Polizeianwärter hoch konzentriert. Marlon Jaeschke und Quirin Ilmberger fokussieren sich auf ihre Maschinenpistole, führen das Magazin ein und legen an. Dann wieder alles von vorne. Sophia Mäckle steht nur daneben. Sie kann nicht mitmachen, weil sie sich am linken Arm verletzt hat. Sie darf heute nur mit der Pistole schießen. „In zwei Wochen bin ich wieder voll einsatzbereit“, sagt sie.

Den Polizeischülern ist die Verantwortung, den der Umgang mit einer scharfen Waffe mitbringt, bewusst. „Ich weiß, dass ich damit jemanden töten kann“, sagt Sophia Mäckle. Auch mit ihrer Außenwirkung als Polizisten haben sie sich schon auseinandergesetzt. „Das Amt verleiht einem Autorität, aber keine Macht über andere Menschen“, sagt Marlon Jaeschke.

Nach dem Waffentraining geht es mit dem Fahrrad zur Kantine, weil die Entfernungen auf dem Gelände so groß sind. Die Verpflegung ist fast kostenlos und jedem Anwärter steht auf dem Gelände ein Platz in einem Zwei-Bett-Zimmer zu. So bleibt den Polizeischülern im ersten Jahr von ihrem Einstiegsgehalt von 1115 Euro netto genug für private Zwecke übrig.

Nach dem Mittagessen haben die Polizeischüler ein wenig Freizeit. Sie erzählen, wo es sie nach Beendigung der Ausbildung in knapp eineinhalb Jahren hinzieht. Um erst einmal Erfahrung zu sammeln, geht es für die meisten Polizeimeister – das ist der Dienstgrad nach Beendigung der Ausbildung – in eine Hundertschaft oder auf Streife in eine Polizeiinspektion.

Für Sophia Mäckle ist das genau das Richtige. „Ich kann mir schon vorstellen, bei Großeinsätzen mit dabei zu sein.“ Das Landeskriminalamt würde die 22-Jährige aber ebenfalls reizen.

Quirin Ilmberger will dahin, wo es brennt – zu einer Sonderform einer Hundertschaft, dem Unterstützungskommando. „Man wird dort eingesetzt, wo die Bedrohungslage am Größten ist“, sagt der 21-Jährige. Er wird dann bei Protesten und Demonstrationen in der ersten Reihe stehen.

In den Einzeldienst, also auf Streife, zieht es Marlon Jaeschke. „Am liebsten wäre mir eine Polizeiinspektion in München“, sagt er. Wenn er genug Erfahrung gesammelt hat, könnte er sich vorstellen, für die Kripo zu arbeiten. Aber erst muss er zum Deeskalations-Training im Straßenverkehr. Das steht heute als Nächstes auf dem Stundenplan.

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