„Bilder wie in Bologna drohen uns nicht“

von Redaktion

INTERVIEW Bayerns Kliniken sehen sich für die dritte Welle gewappnet – Sorge über verschobene Behandlungen

München – In den bayerischen Intensivstationen wird die dritte Corona-Welle spürbar. Roland Engehausen, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhaus-Gesellschaft (BKG), schätzt die Lage im Interview ein.

Herr Engehausen, wie ist die Situation in Bayerns Intensivstationen?

Die Lage ist derzeit noch gut beherrschbar. Man darf die Situation in den Krankenhäusern aber nicht nur an den Intensivstationen messen. Wir verschieben noch immer planbare Operationen, weil man auch dafür Intensivkapazitäten vorhalten muss, die wir nun weiter für mögliche Corona-Fälle freihalten. Manche Eingriffe müssen wir bereits zum zweiten Mal verlegen.

Worauf bereiten sich die Kliniken vor?

Wir befinden uns bereits in der dritten Corona-Welle und bereiten uns darauf vor, dass die Intensivstationen bald wieder deutlich stärker belegt werden. Es gibt diesmal aber eine Besonderheit.

Und zwar?

Die Patienten auf den Intensivstationen werden jünger. Dadurch können wir zum Glück die Todesraten deutlich senken. Aber diese Patienten bleiben dort teilweise auch viel länger, weil sie bessere Heilungsmöglichkeiten mit professioneller Intensivmedizin haben. Das ist natürlich gut, aber es erfordert auch mehr Kapazitäten.

Haben die Häuser im Moment noch Spielraum?

Ja, es können in Kliniken noch Kapazitäten aufgebaut werden. Selbst wenn die Belastung um 50 Prozent steigt, wären wir auf einem Level wie an Weihnachten. Und auch wenn es noch etwas mehr werden würde, könnten wir die Versorgung für alle Patienten sicherstellen. Außerdem gibt es in Reha-Einrichtungen auch noch Plätze der sogenannten „Frühphase B“ mit einer Ausstattung, die der einer Intensivstation ähnlich ist. Man kann dort zum Beispiel auch beatmen mit Entwöhnungs-Therapie. Bisher wurden diese Plätze in der Corona-Behandlung kaum benötigt. Gerade für jüngere Patienten, die noch eine längere Behandlung brauchen, könnten sie vielleicht eingesetzt werden.

Bayerns Kliniken sind also für die dritte Welle gewappnet?

Ja, das sind sie. Auch weil wir mittlerweile eine gute Durchimpfung bei unseren Beschäftigten mit direktem Patientenkontakt haben. In den Pflegeheimen ist die Lage deutlich besser geworden, was das gesamte System stabiler macht. Zudem wurde in der ersten und zweiten Welle eine enge Zusammenarbeit zwischen den Krankenhäusern aufgebaut, durch die wir punktuelle Überlastungen abfangen können, indem wir Patienten verlegen. So hohe Todeszahlen wie im Januar oder gar Bilder wie vergangenes Frühjahr in Bologna drohen uns aus heutiger Sicht nicht, denke ich. Uns steht aber natürlich trotzdem eine unglaublich große Herausforderung bevor. Zudem gibt es Versorgungsprobleme durch die verschobenen Behandlungen. Schon alleine um diese negativen Folgen so gering wie möglich zu halten, sind weitere Lockdown-Maßnahmen nötig.

Wie gehen die Mitarbeiter in den Krankenhäusern mit der Dauerbelastung seit einem Jahr um?

Die Stimmung ist durch die Impfungen etwas besser geworden. Was unsere Beschäftigten in den Kliniken aber belastet, ist die Unberechenbarkeit. Zum einen, weil wir gehofft hatten, im Frühjahr zur normalen Behandlungsroutine zurückzukehren. Irgendwann müssen wir raus aus diesem Dauerkrisenmodus. Belastend ist aber auch, dass die Finanzierung für 2021 noch nicht geklärt ist. Dass wir mit der Bundesregierung noch immer um Ausgleiche für unsere Einnahmeausfälle kämpfen müssen, kostet unnötig Ressourcen und Nerven.

Interview: Sebastian Horsch

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