Schwester Bernadette versorgt einen Obdachlosen. In St. Bonifaz finden Menschen, die auf der Straße leben, Hilfe. © ms
Ort der Versammlung: Der Altar steht heute in der Mitte der Basilika. Gläubige und Mönche sitzen darum im Kreis. © Schlaf
Die Basilika St. Bonifaz von der Karlstraße aus gesehen. Sie ist heute viel kleiner als vor 175 Jahren. © Marcus Schlaf
Bundespräsident Steinmeier verleiht das Verdienstkreuz an Frater Emmanuel Rotter. Bild re.: König Ludwig I. © pa/imago
Geballtes Wissen über Orden: Abt Johannes Eckert in der Bibliothek von St. Bonifaz. © Foto: Marcus Schlaf
München – Die Abtei St. Bonifaz, gestiftet von Ludwig I. und erbaut vom Architekten Georg Friedrich Ziebland, lag vor 175 Jahren noch auf einer grünen Wiese. Fast 80 Meter lang war die fünfschiffige Basilika, die an Sankt Paul vor den Mauern in Rom erinnerte. Das Seitenschiff und die Mittelschiffe ruhten auf 64 über sieben Meter hohen Säulen. Bis zu 6000 Menschen fasste die riesige Halle. Nach der Säkularisation wollte der König die Klöster wiederbeleben – und vor allem die Benediktiner in seiner Residenzstadt ansiedeln. Ludwig wünschte sich die Mönche als Seelsorger, zugleich sollten Kunst und Wissenschaft direkt am Königsplatz ein Zuhause finden, den er 1830 als „Isar-Athen“ mit der Antikensammlung Glyptothek angelegt hatte. 20 Jahre später, am 24. Oktober 1850, wurde dann St. Bonifaz in der wachsenden Münchner Maxvorstadt eingeweiht.
Heute ist St. Bonifaz immer noch geistliches Zentrum, mit eigenem U-Bahn-Anschluss und Wand an Wand mit der Glyptothek. Das Kloster an der Karlstraße ist heute auch eine wichtige Anlaufstelle für gut 450 Obdachlose, die hier an jedem Wochentag eine warme Mahlzeit bekommen und medizinisch versorgt werden. Hier bekommen sie auch Schuhe und Kleidung, können duschen und sich austauschen. Viele haben keine Krankenversicherung. Aber Frater Emmanuel Rotter, der die Obdachlosenhilfe vor mehr als drei Jahrzehnten begründet hat, weist niemanden ab. Erst vor drei Jahren erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz.
■ Kloster Andechs sichert den Lebensunterhalt
Am heutigen Freitag wird in St. Bonifaz erneut gefeiert: Kardinal Reinhard Marx kommt zum Festgottesdienst um 17 Uhr in die Basilika, anschließend gibt‘s Leberkäs und – natürlich – Andechser Bier. Bonifaz und Andechs gehören zusammen: Der Stifter hatte damals klug das Kloster im Landkreis Starnberg als Wirtschaftsgut zur Sicherung des Lebensunterhalts der Mönche dazu geschenkt. Heute finanziert der Heilige Berg mit seiner Brauerei und der bekannten Gastronomie (gepriesen wird vor allem die Schweinshaxe) die Klostergemeinschaft. „Wir kriegen ja keine Kirchensteuermittel“, sagt Johannes Eckert (56), der achte Abt von St. Bonifaz.
Dass die Abtei heute noch mitten in München existiert, ist ein kleines Wunder. Im April 1944 und Januar 1945 wurde sie fast völlig zerbombt. Nur einige Außenmauern und ein Teil der Eingangsfassade blieben erhalten. „Die Mönche haben hier in Ruinen gelebt. Es gab die Überlegung, St. Bonifaz aufzugeben und ganz nach Andechs zu gehen“, berichtet Abt Johannes. „Der Konvent hat sich dann entschlossen: Nein, es ist unser Auftrag zu bleiben und wieder aufzubauen.“
Die schwerste Zeit war auch eine Chance. Die heutige Basilika ist noch ein Drittel so groß wie der Ursprungsbau. Abt Johannes ist fast froh, dass die Kirche nicht mehr so gigantisch ist. „Wir könnten sie heute ja niemals füllen“, sagt er. Nur zur Einweihung und als 1872 der zweite Abt, Bonifaz von Haneburg, zum Bischof von Speyer geweiht wurde, war die Basilika voll. Heute ist St. Bonifaz intimer. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Altar in die Mitte gestellt. Gläubige und Mönche sitzen im Rund darum. „Eine Gemeinschaft, die sich um den Altar versammelt: Hier kann wirklich Communio stattfinden“, sagt der 56-Jährige, der 2003 mit erst 34 Jahren zum Abt gewählt wurde.
■ Weiße Rose rettete wertvolle Bücher
Einer der Lieblingsorte von Abt Johannes ist die Bibliothek von St. Bonifaz. Hier recherchiert er für die Bücher, die er schreibt. „Die Bibliothek ist ein Herzstück des Klosters. Der König hat in seiner Stiftungsurkunde geschrieben: St. Bonifaz soll immer ein gebildeter Konvent sein. Wir haben hier 250 000 Bücher.“ Hier wurde seit den 1970er-Jahren alles gesammelt, was mit Orden und Klöstern zu tun hat. „Wenn jemand über Mönchtum oder Ordensgemeinschaften forschen will, dann ist er in St. Bonifaz gut bedient.“
Im Krieg verbrannten die meisten Bücher. Aber einige Kostbarkeiten wurden gerettet – von Widerstandskämpfern der „Weißen Rose“, Hans Scholl und Alexander Schmorell. „Sie haben hier über das Thema Tyrannenmord bei Thomas von Aquin geforscht“, erzählt Abt Johannes. Sie hatten auch Pater Romuald, den Bibliothekar, über ihre Widerstandspläne ins Vertrauen gezogen.
„Herr Pater, wollen Sie die schöne Bibliothek den Nazis überlassen?“, fragte Hans Scholl den Pater. In ihren Rucksäcken brachten die Studenten dann wertvolle Bände in die Arztpraxis von Vater Schmorell nach Harlaching und stellten sie zwischen die medizinische Fachliteratur. „Als dann die Weiße Rose aufgeflogen ist, war es ein Glück, dass die Gestapo bei der Durchsuchung der Praxis nicht unterscheiden konnte zwischen theologischer und medizinischer Fachliteratur, weil sie kein Latein konnten“, berichtet der Benediktiner.
Die Gemeinschaft der Ordensbrüder ist klein. Zwölf Mönche, acht leben in St. Bonifaz, vier in Andechs. „Die letzten vier Jahre hatten wir leider keinen Novizen“, sagt der Abt. Es macht ihm natürlich Sorgen, „aber auch nicht zu viel“. Der Altersschnitt ist noch relativ gut, „Wir sind zwischen 50 und 70, einer ist älter.“ Die Abtei habe ein gutes soziales Netzwerk, viele Menschen, die sich einbringen, gut 250 Mitarbeiter in der Obdachlosenarbeit, den Wirtschaftsbetrieben, in der Wallfahrtsseelsorge. „Ich bin dankbar für die Unterstützung. Beide Klöster sind lebendige Orte. Das machen die Menschen aus.“ Der Rest ist Hoffnung, dass es schon weitergehen wird mit den Benediktinern, mitten in der Stadt.
Am eigentlichen Jubiläumstag am kommenden Montag, 24. November, gibt es mittags ein Festessen für die Obdachlosen. Leberkäs und Andechser Bier. Und die Mönche bedienen.