Der Superheld aus Ginsham

von Redaktion

Forschungsprojekt Michi Mehringer will den Computer-Cursor bald mit seinen Gedanken steuern

Labormitarbeiter Göktu Alkan verbindet den Computer mit der Hirn-Computer-Schnittstelle.Foto Kathrin Czoppelt/

Bruckmühl/München – Er hat weder die fast schon unbegrenzten finanziellen Mittel eines Batman, noch das technische Know-how eines Ironman oder übernatürliche Fähigkeiten wie Superman. Und dennoch ist Michi Mehringer aus Ginsham bei Bruckmühl auf dem besten Weg, ein Superheld zu werden. Denn der 26-Jährige, der nach einem schweren Unfall querschnittsgelähmt ist, soll, wenn alles gut läuft, einen Roboterarm nur mithilfe seiner Gedanken steuern können. „Das wäre nicht nur für mich ein Meilenstein, sondern auch für viele andere Betroffene“, sagt der sympathische junge Mann, dem im Sommer eine sogenannte Hirn-Computer-Schnittstelle implantiert worden ist.

Folgen sind
bis heute fatal

Auch wenn die Folgen bis heute fatal sind – Michi Mehringer muss am 23. April 2016 dennoch von einem Schutzengel begleitet worden sein. Als der damals 16-Jährige auf seiner Yamaha MT125 die Staatsstraße 2027 bei Bruckmühl in Richtung Kirchdorf überqueren will, übersieht er einen Mercedes, der ihn mit voller Wucht erfasst.

Als Ersthelfer dem Ginshamer, der durch den Zusammenprall in den Straßengraben geschleudert wird, zu Hilfe eilen, ist der 16-Jährige dem Tod deutlich näher als dem Leben. Die Liste der Verletzungen liest sich wie Auszüge aus einem Horrorroman: Michi Mehringers Rückgrat wurde beim Unfall auseinadergerissen, das Becken zertrümmert, sein Kopf ausgehebelt, die Halsmuskeln abgerissen. Hinzu kommen unter anderem Rippenfrakturen, ein mehrfach gebrochener Oberschenkel, ein Schädelbasisbruch und eine Herzquetschung. Bereits am Unfallort kämpfen die Ärzte eine Stunde um das Leben des Jugendlichen, es folgen unzählige Operationen, Tage im Koma sowie ein 14-monatiger Aufenthalt im Krankenhaus.

Doch Michi Mehringer überlebt – ist fortan aber querschnittsgelähmt, kann auch seine Hände und Arme nicht mehr bewegen. Zudem verliert er sein schwer verletztes linkes Bein.

Was er jedoch trotz des Bewusstseins, dass sein Leben nie mehr so sein wird, wie vor dem Unfall, nicht verliert: seinen Lebensmut. Stück für Stück holt sich der junge Ginshamer, der auch heute noch im Burschenverein oder bei der Feuerwehr ist, Teile seines früheren Lebens zurück.

Er lernt wieder, selbstständig zu atmen, zu sprechen und zu schlucken. Und findet schnell seinen Humor wieder, der ihn auch davor ausgezeichnet hatte. Legendär seine aus Spaß veröffentlichte Anzeige auf einem Online-Portal, in der er ein Foto von sich im Rollstuhl mit dem Text „Habe einen Fuß verloren. Hat ihn wer gefunden?“ versehen hatte.

Ein untrügliches Zeichen dafür, dass Michi Mehringer sein neues Leben, bei dem ihm die ganze Familie, insbesondere Mama Agnes und Papa Rupert, zur Seite stehen, angenommen hat. So kann der heute 26-Jährige seinen Rollstuhl selbst per Kinn über eine Art Joystick steuern, besucht so eigenständig Verwandtschaft in der Nachbarschaft. Mit einer Maus, die er mit dem Mund steuert, kann er zudem ein Tablet bedienen.

Doch der lebenslustige Ginshamer will mehr – und nimmt daher an einem Forschungsprojekt teil, über das Mama Agnes Ende 2023 in den OVB-Heimatzeitungen gelesen hatte. Unter dem Projekttitel „künstliche Intelligenz für Neurodefizite“ hatte das TUM-Klinikum Rechts der Isar in München damals nach Studienteilnehmern gesucht. Ziel des Projekts: Mehr darüber zu lernen, wie das Gehirn funktioniert, und letztlich zu erreichen, dass beispielsweise ein Querschnittsgelähmter letztlich nur durch seine Gedanken und die daraus resultierende Hirnaktivität einen extra dafür entwickelten Roboterarm steuern kann.

Gespräche und
Untersuchungen

„Ich musste erst einmal eine Nacht drüber schlafen“, erinnert sich Michi Mehringer an den Moment zurück, als ihm Mama Agnes von diesem Forschungsprojekt erzählt hatte. „Dann habe ich aber relativ schnell eine E-Mail hingeschickt und bin letztlich angenommen worden.“

Es folgten zahlreiche Gespräche und Untersuchungen, ehe der 26-Jährige in einer mehr als fünfstündigen Operation – sein bis heute 56. Eingriff – eine sogenannte Hirn-Computer-Schnittstelle mit 256 Mikroelektroden in den Kopf implantiert bekam – vergleichbar mit den USB- oder HDMI-Anschlüssen an einem Laptop. Ein Novum in Europa.

Seit der Operation Mitte Juli wird der Ginshamer in der Regel zweimal pro Woche ins TUM-Klinikum nach München gefahren, um für den Erfolg des auf drei Jahre angelegten Projekts zu trainieren. Dabei wird – laienhaft ausgedrückt – sein Gehirn per Kabel über die Schnittstelle an seinem Kopf mit einem Computer verbunden. Dieser liest, während der 26-Jährige am Bildschirm Aufgaben meistert, über die 256 Mikroelektroden die Reaktionen des Gehirns aus. So muss sich der Ginshamer beispielsweise als eine der Aufgaben darauf konzentrieren, nur mit seinen Gedanken einem farbigen Punkt auf dem Bildschirm zu folgen.

Ziel ist es, dass eine KI später aus den Reaktionen, die das Gehirn zeigt, trainiert wird und ein Muster erkennt – und so beispielsweise diesen Gedanken einer Handlung zuordnet. „Das ist schon anstrengend, weil ich mich da extrem konzentrieren muss“, sagt der 26-Jährige gegenüber dem OVB. Dennoch fahre er jedes Mal wieder „gerne nach München“, da dieses Projekt für ihn aktuell „absolute Priorität hat“.

Schließlich ist das große Ziel nicht weniger, als ein immenses Stück Selbstständigkeit zurückzuerlangen. Zeigt das Projekt den gewünschten Erfolg, soll Michi Mehringer in nicht allzu ferner Zukunft mit seinen Gedanken einen Roboterarm steuern können, der ihm beispielsweise eine Tasse zum Trinken reichen könnte. Eine Aufgabe, die bislang Mama und Papa erledigen. Zunächst würde der Roboterarm an einem Tisch befestigt, doch auch eine Montage am Rollstuhl des 26-Jährigen sei wohl denkbar.

Ein Etappenziel auf dem Weg zu dieser lebensverändernden Gedankenübertragung will der 26-Jährige bereits in wenigen Wochen erreichen. „Bis Weihnachten wollen wir es eigentlich schaffen, dass ich am eigenen Computer den Cursor mit meinen Gedanken steuern kann“, sagt der junge Mann, dessen Lachen ansteckend wirkt.

„Wenn das funktioniert, dann könnte bereits im Februar oder März der Roboterarm folgen.“ Für den 26-Jährigen und seine Familie „ein Meilenstein“. „Natürlich wäre mein größter Wunsch, wieder komplett selbstständig zu sein“, sagt der Ginshamer. „Aber alleine selbstständig essen und trinken zu können, wäre schon ein riesiger Fortschritt.“

Was ihn bei diesem Forschungsprojekt besonders anspornt? Dass er sich keineswegs als Versuchskaninchen fühlt, sondern als wichtiger Bestandteil des Forschungsteams „Ein Professor hat zu mir gesagt, dass es große Pionierarbeit ist, die ich hier leiste“, erzählt der 26-Jährige und lacht. „Wenn es für mich dann etwas bringt, ist es natürlich schön. Aber es ist ebenso ein gutes Gefühl, damit auch anderen Menschen helfen zu können.“ Aussagen, die Mama Agnes nur unterschreiben kann. „Ich war von Anfang an begeistert und wir stehen da total dahinter“, sagt die Ginshamerin. Zumal sie „immer den Eindruck habe, dass die Arbeit mit allen Beteiligten auf Augenhöhe geschieht“.

Da fällt es dem jungen Mann umso leichter, auch einige Nebenwirkungen des Implantats beziehungsweise des Eingriffs in Kauf zu nehmen. „Seit der Operation habe ich ein bisschen Probleme mit den Augen, sehe Doppelbilder. Zudem habe ich einen Tinnitus“, verrät Michi Mehringer. Die Ärzte gehen aber davon aus, dass diese Nebenwirkungen nach und nach verschwinden werden. Ganz im Gegensatz zu diversen Ideen, die Michi Mehringer für die Zukunft hat. So plant der 26-Jährige, der sich vor drei Jahren eine Schnecke als Zeichen für den Anfang und das Ende des Lebens sowie einen Lebensbaum auf den rechten Unterarm tätowieren ließ, bereits ein weiteres Tattoo, das seiner Mutter die Tränen in die Augen treibt.

Und zwar vor Lachen. Denn auf das Knie seines amputierten Beines will sich der 26-Jährige eine gestrichelte Linie, eine Schere sowie den Schriftzug „Hier bitte abtrennen!“ stechen lassen.

Schreibt Michi Mehringer
bald ein zweites Buch?

Auch ein zweites Buch gehört zu den Projekten, die Michi Mehringer im Hinterkopf hat, nachdem er im Buch „Seit dem Tag danach – Hallo, ich bin immer noch DER Michi“ bereits seine bewegende Unfallgeschichte aufgeschrieben hatte.

Doch jetzt gäbe es ja wieder neuen Stoff, der erzählt werden könnte, findet der Ginshamer: „Das ganze Forschungsprojekt ist natürlich schon ein Thema, das sich für ein Buch eignen würde.“

Aktuell ist sein Fokus aber nur darauf gerichtet, dass das Forschungsprojekt letztlich von Erfolg gekrönt wird. „Deswegen gebe ich bei den Trainings auch immer 100 Prozent, weil ich schließlich das beste Ergebnis erreichen will“, stellt der junge Mann klar.

Eine Einstellung und ein Lebensmut, die den 26-jährigen Ginshamer bereits jetzt zu einem Superhelden machen.

Teilnehmer für die Studie gesucht

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