Bad Aibling – Man könnte kaum einen aktuelleren Bezug herstellen als zwischen der Themenwoche „Bildung Zukunft“ und dem Release Konzert von Chris Gall und Mulo Francels erstem gemeinsamen Album „Mythos“, das die beiden Jazzmusiker in der bis auf den letzten Platz gefüllten Buchhandlung Librano in Bad Aibling zum ersten Mal öffentlich vorstellten. Was an diesem Abend am Piano und verschiedenen Saxofonen und Klarinetten geboten wurde, zeigte in einem gelungenen Spannungsbogen, dass Kultur und ihr Bindeglied, die Musik, keiner regionalen Beschränkung unterliegt, sondern in einem globalen Sinne sich aus verschiedenen Mythen speisend immer wieder Neues hervorbringt. In den verbindenden Worten wies Francel immer wieder auf diese Ursprünge und Zusammenhänge hin, die sich aus Mythen und Sagen in mündlicher und schriftlicher Überlieferung ergeben und die Menschen bis heute prägen, aber auch gegenwärtige Ereignisse aus der Kenntnis von Vergangenem deuten lassen. Nach einem Jazzstandard East of the sun (West of the Moon) wurde in der Jazzadaption der Bachkantate „Jesu bleibet meine Freude“ der Mythos des Komponisten mit der biblischen Figur Jesu verbunden, was in Francels synkopierter Fassung die oft gehörten, exakt gespielten Orgelversionen in eine zeitgemäße Form und pure Freude verwandelte. Auf seinen Reisen ist Francel immer wieder griechischen Mythen begegnet, deshalb bilden die Geschichten des Odysseus und Aeneas den Ursprung für Stücke wie „Ikarus‘ Dream“, „Palinuro“, „Waves“ oder „Remember Me“, einer jazzigen Verfremdung aus Henry Purcells Oper „Dido & Aeneas“. Hintergründige Erklärungen durch Francel waren oft mit einem Augenzwinkern verbunden, beispielsweise die Gründung der Stadt Palinuro durch den Steuermann des Aeneas, der nach der Namensgebung auf ungeklärte Weise verschwand oder die Klage der Dido, die von Aeneas wieder verlassen wurde, weil die Gefährten im Hafen des langen Wartens überdrüssig waren und auf die Weiterfahrt drängten. In dem von Antonio Carlos Jobin komponierten Stück „Waves“ weckte er bei der Zuhörerschaft Erinnerungen an den Titelsong der Zeichentrickserie „Odysseus und seine Freunde“, die in den 80er-Jahren im Vorabendprogramm lief. Dass Francel die spezielle Technik der australischen Didgeridoospieler anwendet, bringt in einigen Stücken, extrem lange Melodiebögen und Untertöne ohne jede Pause zum Klingen, die es wiederum Chris Gall am Flügel erlauben, seine klaren und feinfühligen Improvisationen wirken zu lassen. Eine der schönsten Kompositionen Chris Galls, Yorke’s Guitar, dem Kollegen der Gruppe Radiohead gewidmet, erfuhr im Duett mit dem Saxofon in der Unisono Passage der Hauptmelodie eine ganz neue Variante. Das schon vor Jahren komponierte Stück „Die 7 Weisen“ fand einen Platz auf dem Album unter dem Thema „Mythos“ ebenso wie ein klassischer Tango („EL diá von Carlos Gardel) oder ein Samba als Zugabe beim Live-Konzert im Librano. Wie löst man nun die an diesem Abend aufgebaute Spannung und beantwortet die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der unsere Kultur prägenden Mythen? Das schafften Gall und Francel mit einem Antagonismus im Stück „Reality Check“, einer fetzigen Jazz-Rock-Nummer, die kompositorisches Geschick von Gall mit einem bestens aufgelegten Francel an der Klarinette kombinierte und die aktuelle Situation der Social Media mit ihren Verschwörungstheorien, der Leugnung von wissenschaftlichen Wahrheiten und Fake-News thematisierte.
Das aktuelle Album von Mulo Francel und Chris Gall „Mythos“ ist ab sofort auf CD und Vinyl erhältlich.