Grassau – Ob Federn, Schuppen oder Fell, des Herrgotts bunte Welt der Fauna hat kreative Menschen gerne zu Parodien ihrer eigenen Spezies animiert – ob nun literarisch als Fabel, als Karikatur wie bei Daumier oder eben musikalisch wie beim berühmten „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns. Dessen heiter-ironische Komposition durfte erst nach seinem Tod publik werden, er fürchtete die Reaktionen seiner Kollegen, die sich vielleicht in seinen respektlosen musikalischen Skizzen wiedererkannt hätten. Zur Faschingszeit 1886 uraufgeführt wurde die Grande fantaisie zoologique erst später zu einem Erfolg und ist bis heute eine Quelle der Inspiration auch für Autoren und Zeichner. Und wie man am Abend in der Sawallisch-Villa hören konnte, auch für gut gelaunte Jazzmusiker.
Johannes Ochsenbauer und sein Trio präsentierten den Karneval der Tiere im Jazzkostüm, soll heißen, die musikalischen Skizzen aus dem 19. Jahrhundert waren auf wundersame Weise zu unterhaltsamen Jazz-Stücken geworden, jeweils mit einer ganz eigenen Färbung. Die Bearbeitungen stammen alle von Ochsenbauer, der einen erstaunlich wandelbaren Bass spielte. Am Flügel begleitete souverän und einfallsreich Tizian Jost und Michael Keul auf seinem Stammplatz rechts auf der Bühne, hatte mit dem Schlagzeug wieder mal ein Heimspiel. Egal, wann und wo man das Trio hört, diese drei Musiker sind auf eine Weise aufeinander eingespielt, dass das Wort Harmonie fast ein wenig dürftig klingt.
Der Karneval der Tiere hat auch den früh verstorbenen Grimme-Preis-Träger, Autor und Denker Roger Willemsen inspiriert. Sein von Volker Kriegel illustrierter „Karneval der Tiere“ ist seit über zehn Jahren als schöpferische Zweitverwertung ein Bucherfolg. Seine launig-ironischen Reime im eingängigen Versmaß hatten an diesem Abend ihren Auftritt mit Ansgar Wilk, dessen geübte Bühnenstimme ganz ohne Mikro auskam und der als erfahrener Mann vom Theater die eingeschobenen Lesestücke zu eigenen kleinen Schauspiel-Szenen performte. Immer wieder gab es Gelächter im Publikum.
Johannes Ochsenbauer, Arrangeur des Programms, erklärte zwischen den Stücken, was von Saint-Saëns in welcher Form entliehen worden war und wer jetzt gerade aus dem Zoo seinen tierisch-musikalischen Auftritt gehabt hatte: Löwe, Giraffe, Elefant, vielleicht die Schildkröte oder auch nur die gackernde Hühnerschar und vielleicht der Schwan auf seinem See. Überraschend, was ein Jazz-Trio dafür an lautmalerischen Möglichkeiten alles bieten kann und wie nach solchen Ausflügen die drei mit Schwung – fast ein wenig erleichtert? – wieder auf vertrautes Jazz-Terrain einschwenkten.
Das Publikum war ob dieser Mischung von musikalischer Fantasie, literarischem Witz und der Lust an vorgetragener Parodie allerbester Laune und vielleicht gab es in den Reihen der Zuhörerinnen dann doch den einen oder anderen Seitenblick – wer sitzt da gerade mit mir in der Sawallisch-Villa: ein stolzer Löwe oder doch nur der aufgeplusterte Gockel?
Nach dem langen Schlussapplaus kam als Zugabe „etwas, was jeder kennt“, wie Tizian Jost meinte. So schlich sich „Der rosarote Panther“ in den voll besetzten Saal, als Titelmelodie des Filmmusik-Pioniers Henry Mancini, begrüßt mit kennerhaftem Beifall. Der Abend war ein weiteres gutes Beispiel für die kreative Programmgestaltung von Andreas Baumgartner von der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung. Klaus Bovers