Grassau – Das Saxofon hat in diesem Frühjahr erstaunliche Auftritte in der Villa Sawallisch. Kaum war die hinreißende Kammermusik des Trio Étoile verklungen, tritt zwei Wochen später ein Saxofonquartett aus Frankreich mit dem rätselhaften Namen „Quatuor Isar“ auf, dessen einstündiges Konzert Klassisches erst einmal nur auf dem Programmzettel anbot. Dort wurden immerhin Arrangements nach Buxtehude, Saint-Saens, Mussorgsky oder Berlioz versprochen, die zum Teil von den Musikern selbst stammten und sich mit Stücken von modernen und zum Teil blutjungen Komponisten und Musikern abwechselten. Nach den Maßstäben der Konzertwelt gehört auch das Quartett in die Kategorie blutjung: Erst im Jahr 2021 am Conservatoire de Nantes noch zu Studienzeiten gegründet, waren die vier ein Jahr später schon Gewinner von Wettbewerben und Preisen. Noch keiner/keine von ihnen ist 30, dem Begriff Nachwuchs sind sie aber klar entwachsen und als Gruppe haben sie eine vielversprechende Zukunft. Das ist genau die richtige Mischung, bei der ein Programmplaner in der Sawallisch-Stiftung neugierig wird. Beim Kontakt nach Frankreich half das Münchner Arcis Quartett, das schon ein paar Jahre länger mit seinen Saxofonen auf der Bühne steht.
Teufeleien waren angesagt, die rot glitzernden Bühnengewänder waren darauf wohl eine Anspielung und wurden entsprechend bestaunt. Das alles wurde jedoch bedeutungslos in dem Moment, als sie ihre Instrumente sprechen ließen. Über eine Stunde Klangfülle vom ersten Moment an, kraftvoll, energisch und voller Harmonie, mit anspruchsvoll kurzen Pausen zwischen den überraschenden Takt- und Tempowechseln, gerne melodisch geführt vom Sopran und mit Lust und Spielfreude beantwortet vom Rest des Chores, wobei jede Stimme ihre blitzkurzen volltönenden Kommentare einbrachte – so ein Bariton-Saxofon hat schon seine Wucht – und alle vier in tutto erst recht. Insgesamt bisher selten gehörte Klänge in diesem Saal, niemals schrill oder provokant und begeistert begrüßt vom Publikum, das sofort verstand, welche Qualität ihnen hier von jungen und schon jetzt exzellenten Musikern geboten wurde.
Das Konzert begann mit einem Buxtehude-Arrangement, gefolgt von einem Stück der 22-jährigen Kollegin Lucille Moussalli, danach folgen in Arrangements die großen Namen Saint-Saens, Mussorgsky, Berlioz, Dvorák, und auch der vom Mississippi stammende R. A. Moulds (Jahrgang 1958) wurde mit seinem „Ballo Con El Diablo“ bearbeitet. Da hörte man dann, dass dem Quartett auch Carl Orff oder Kurt Weill nicht fremd waren.
Langanhaltender Applaus und Zugaben gab es zum Schluss, und dann bot der Hausherr Andreas Baumgartner noch eine Überraschung als Ersatz für die fehlende Pause.
Wer wollte, konnte im kleinen Saal mit einem Glas in der Hand an Stehtischen den vier Musikern ohne teuflisches Glitzergewand begegnen. Sie zeigten nach den anspruchsvollen Teufeleien, dass sie auch anderes können und mögen. Zum Beispiel Stücke aus der Westside-Story oder Gospels wie „The Battle of Yericho“, während ihr Kollege aus München eine Nachschau des Konzerts lieferte und unterhaltsam viel über die Geschichte und die Besonderheiten der vier Saxofone zu erzählen wusste.
Ein wunderbar entspannter Abschluss des Abends, ganz im zugewandten Stil der Villa Sawallisch. Klaus Bovers