Nürnberg – Die Skispringer starten am heutigen Freitag im norwegischen Lillehammer in den Olympia-Winter. Philipp Raimund geht dann als einer der Top-Favoriten ins Rennen. Beim Sommer- Grand-Prix hatte der gebürtige Göppinger mit seinem Gesamtsieg bereits für Furore gesorgt. Bei der Einkleidung des Deutschen Skiverbandes in Nürnberg stellte sich der 25-Jährige vom SC Oberstdorf den Fragen der Journalisten. Auch die OVB-Heimatzeitungen waren vor Ort und sprachen mit Raimund.
Sie haben in der vergangenen Saison das Material gewechselt. Haben Sie schon Ihr Setup gefunden?
Ich glaube schon. Bei der WM-Vorbereitung letztes Jahr hatte ich noch einmal eine intensive Trainingswoche, in der ich mich richtig mit dem neuen Skisystem beschäftigen konnte. Nach dem Wechsel von Fischer zu Atomic lief es zwar erst gut, dann aber holprig, weil im Wettkampfbetrieb kaum Zeit zum Trainieren war. Diese Woche hat mir wieder das richtige Gefühl gegeben – und das habe ich dann Ende des Winters gemerkt, als ich öfter in die Top Sechs gesprungen bin. Mit diesem Gefühl konnte ich im Sommer direkt weiterarbeiten. Die Anzugänderung hat mir zusätzlich in die Karten gespielt, weil Sprungkraft wieder wichtiger wurde – und da bin ich gut aufgestellt. Deshalb sage ich: Dieses Jahr haben einfach ein paar Faktoren optimal zusammengepasst.
Kann man die guten Leistungen aus dem Sommer eins zu eins auf den Winter übertragen?
Ich weiß es nicht sicher, aber ich hoffe natürlich, dass meine Form weiter anhält. Im Winter fühlt sich wegen der kälteren Luft alles ein bisschen anders an. Trotzdem gab es schon oft Fälle, in denen starke Sommerspringer auch im Winter gut waren – und manchmal eben nicht. Ich versuche einfach, meine Form mitzunehmen, arbeite jeden Tag weiter und will jeden Tag ein Stück besser werden. Wenn das so bleibt, sollte die Saison ganz gut aussehen.
Ist es vermessen zu sagen, dass Sie aktuell am besten mit dem neuen Anzug zurechtkommen?
Ich glaube nicht, dass der Anzug entscheidend ist. Die Sprungkraft ist wichtiger, und wer gut fliegt, kommt auch mit verändertem Anzug weiterhin weit. Top-Springer wie Kobayashi oder Prevc zeigen, dass es vor allem auf die Leistung ankommt. Der Anzug ist nur ein Hilfsmittel – der Beste würde auch mit einem schlechten Anzug noch gut springen.
Entwicklung in der Karriere heißt auch Persönlichkeitsentwicklung. Wie läuft dieser Prozess bei Ihnen ab?
Ich bin inzwischen viel entspannter. Am Anfang war der ganze Weltcup- und Wettkampfzirkus mit Kameras, Pressekonferenzen, Rennen und Interviews total hektisch. Aber man gewöhnt sich daran, und dadurch ist alles normaler geworden. Ich sehe oft, dass erfahrenere Athleten im Weltcup mit der Zeit besser werden. Ich war anfangs einfach nervös, weil ich das Gefühl hatte, mich beweisen zu müssen. Jetzt ist es eher so: Ich gehöre dazu, mein Startplatz ist sicher und ich kann mich Schritt für Schritt darauf konzentrieren, weiter nach vorne zu kommen, und auf die Podestplätze zu schauen.
Haben Sie denn konkret daran gearbeitet, entspannter zu werden?
Ich arbeite zwar mit einem Mentaltrainer zusammen, aber dieses Jahr war das nicht unser Schwerpunkt. Insgesamt bin ich ein eher entspannter Typ, dem vieles auch mal egal ist. Ich habe gelernt, Erwartungen von außen einzuordnen, meinen eigenen gerecht zu werden und die richtigen Hebel zu ziehen, um unterwegs abzuschalten und mich zu erholen.
Was war als Kind eher Ihr Skisprung-Traum: der Sieg bei der Vierschanzentournee oder olympisches Gold?
Mein Ziel war immer, besser zu sein als mein Bruder und das habe ich geschafft (lacht). Ein Vorbild oder große Träume hatte ich nie. Ich bin einfach extrem perfektionistisch und will jeden Tag ein bisschen besser sein als gestern. Wenn ich alles gegeben habe, kann ich zufrieden ins Bett gehen – egal, ob ich Erster, Zweiter oder 40. werde. Hauptsache, ich weiß, dass ich mein Bestes getan habe.tb