Ulm-Dornstadt – Die Augen leuchten, wenn Julia Tannheimer auf ihren Heimatverein angesprochen wird: „DAV Ulm, läuft“ – eine kurze Antwort mit viel Aussagekraft. 2005 wurde eines der größten Biathlon-Talente geboren. Im selben Jahr entstand in Ulm eine verrückte Idee – die zu einem Vorzeigeprojekt im deutschen Wintersport geworden ist. „Im Vergleich zu anderen Standorten sind die Möglichkeiten in Ulm begrenzt. Aber genau so haben wir gelernt, aus kleinen Mitteln viel zu machen“, sagt Tannheimer gegenüber den OVB-Heimatzeitungen und ergänzt. „In Ulm gibt es ein mega Trainer- und Betreuerteam. Dieses Engagement strahlt auf die jungen Sportler ab und sorgt für eine besondere Energie“, so die 20-Jährige über den Ort, an dem sie Biathlon gelernt hat.
Tannheimer bringt auf den Punkt, was bei genauerer Betrachtungsweise offensichtlich wird. 2005 entstand in der Großstadt an der Donau eine ungewöhnliche Idee. Schnee ist in Ulm Mangelware. Dennoch versuchte man sich im Biathlon. „Die Ursprungsgeschichte geht auf die Familie um Werner Rösch zurück. Die wollten Biathlon nach Ulm holen und haben aus einem nutzlosen Gebäude einen Schießstand gemacht“, erzählt der Ulmer Sportdirektor Timo Stocker im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.
20 Jahre später ist aus dem einst nutzlosen Gebäude eine bemerkenswerte Sportstätte geworden, die der deutsche Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling als „Vorzeigeprojekt“ bezeichnet. „Sie finden immer Lösungen, in allen Bereichen“ ergänzt er.
Anhand der sportlichen Erfolge wird deutlich, weshalb Bitterling so lobende Worte über Biathlon in Ulm ausspricht. Tannheimer (Jahrgang 2005) wurde mehrfache Junioren-Weltmeisterin, gewann in der Staffel zwei Weltcuprennen und gilt als eine der deutschen Hoffnungen für die Zukunft.
Bei den deutschen Meisterschaften 2025 holte Charlotte Gallbronner (Jahrgang 2003) die Bronzemedaille im Sprint, im Einzel lief die erst 17-jährige Melina Gaupp (Jahrgang 2008) auf den fünften Platz. Auch im männlichen Nachwuchs erzielten die Ulmer Biathleten bereits beachtliche Erfolge. Tannheimers jüngerer Bruder Lukas (Jahrgang 2007) wurde 2025 Jugendweltmeister im Sprint und Philipp Lipowitz (Jahrgang 1999) gewann 2021 die Goldmedaille im Einzel. Geschlechterübergreifend auffällig sind bis heute die niedrigen Jahrgänge in Verbindung mit läuferischer Stärke.
Zurück an den Standort, der acht Kilometer nördlich von Ulm in der Gemeinde Dornstadt liegt – und für den Wintersport eigentlich nicht geeignet ist. Am ‚Pisten-Bully-Biathlonzentrum‘ gibt es keinen Schnee. Ganzjährig wird auf Skirollern gelaufen. „Wir könnten klimaneutralen Schnee produzieren, dafür ist es in Ulm aber nicht kalt genug“, führt Stocker weiter aus.
Aus der Not wurde im Umland der 130.000-Einwohner-Stadt eine Tugend gemacht. Ein damals nutzloses Gebäude wurde zum Schießstand umfunktioniert, der inzwischen acht Kleinkaliberbahnen und 15 Luftgewehrbahnen umfasst. Begleitet wird er von einer Laufstrecke, die auch eine besondere Geschichte zu erzählen hat.
Angrenzend an das improvisierte Biathlonstadion in Dornstadt-Ulm baute die Deutsche Bahn im Rahmen des Projektes ‚Stuttgart 21‘ die Neubaustrecke Ulm-Stuttgart. Aus dem Bauschutt wurde ein Berganstieg für Skiroller gefertigt. Um im Winter trainieren zu können, wurden rund 700 Meter der Laufstrecke beleuchtet. Wenn dann doch mal auf Schnee gelaufen werden soll, geht es im Winter ins Allgäu oder an den Stützpunkt am Notschrei im Schwarzwald.
Die Bemühungen der engagierten und ehrenamtlichen Mitglieder beim DAV Ulm wurden auch infrastrukturell belohnt. Mit Unterstützung von Sponsoren wurde am heutigen ‚PistenBully-Biathlonzentrum‘ ein Funktionsgebäude für rund zwei Millionen Euro errichtet. „Vorher haben sich die Sportler in einem alten Gelände einer Kläranlage umziehen müssen. Mädchen und Buben in einem Raum, es gab nicht einmal eine Dusche. Ein WC und ein kleines Büro, mehr hatten wir nicht“, blickt Stocker zurück.
Sportlich tragen die Bemühungen nicht nur durch die Erfolge von Tannheimer, Gaupp oder Gallbronner Früchte. „Der Zulauf ist von allen Seiten groß, Biathlon hat sich in Ulm etabliert. Ganz wichtig ist uns dabei auch der Breitensport. Nur auf Leistungssport zu setzen, funktioniert an unserem Standort nicht“, betont Stocker, der als Ziel ausgibt, „irgendwann den deutschen Schülercup oder den Deutschlandpokal auszurichten“.
Bei regionalen Wettbewerben stellen die Donaustädter inzwischen fast die Hälfte der Teilnehmer – bei einer Anzahl von rund 100 Sportlern. Wer es aus Ulm auf die große Bühne schafft, geht dann in der Regel an einen größeren Stützpunkt. So hat es auch Julia Tannheimer getan, die inzwischen am Stützpunkt am Notschrei trainiert, ihre Heimat aber stets mit sich trägt.