München/Aubenhausen – Wenn einem die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung macht, hilft auch die beste Turniervorbereitung nur wenig. Ein paar Stunden, bevor Jessica von Bredow-Werndl und Benjamin Werndl sich auf der Pferd International in München im Grand Prix auf Fünf-Sterne-Niveau präsentieren wollten, erkrankte die Doppel-Olympiasiegerin an einem schweren Magen-Darm-Infekt. „Ich musste mich die ganze Zeit übergeben und hatte einen sehr instabilen Kreislauf“, berichtete sie.
Ihr Bruder, die Familie, das gesamte Team war in Sorge und unterstützte bestmöglich. Die größte Pferdesportveranstaltung Süddeutschlands gilt als erste, inoffizielle Sichtung für deutsche Kader- und Championatskandidaten. Auch in diesem Jahr verschaffte sich Bundestrainerin Monica Theodorescu persönlich einen Eindruck von der Form und dem Entwicklungspotenzial der Paare. Die Konkurrenz um Kader- und Teamplätze ist durch die breite Spitze im deutschen Dressursport groß, entsprechend hoch war der Druck.
Von Bredow-Werndl gehört derzeit keinem Kader an und durfte mit ihrer Zukunftshoffnung Times Kismet in München zum ersten Mal auf Fünf-Sterne-Niveau starten. Zuvor waren sie erst zweimal international auf Drei-Sterne-Niveau aktiv gewesen. Verständlich also, dass die Aubenhausenerin ihre Chance nutzen wollte und trotz ihrer sehr schlechten Verfassung in den Sattel stieg. „So etwas könnte mir auch auf einem großen Championat passieren, und ich wollte wissen, ob es dann möglich wäre“, erklärte sie. Der Grand Prix mit Times Kismet gelang mit großer Selbstverständlichkeit und nahezu fehlerfrei. 74,522 Prozent bedeuteten den Sieg vor Raphael Netz mit dem erfahrenen Great Escape Camelot.
Für Benjamin Werndl mit seinem erst zehnjährigen Quick Decision war es nach der siegreichen Nationenpreis-Premiere in Fontainebleau der zweite Fünf-Sterne-Start. Auch diesmal glänzte das Paar. Werndl konnte sich über 72,652 Prozent und den dritten Podiumsplatz freuen. Im Grand Prix Special am nächsten Tag wirkte der charmante Fuchs ebenso eifrig, aber noch gelassener und platzierte sich mit 73,064 Prozent an vierter Stelle. „Quicks war unglaublich gut drauf, er hatte viel Go und hat alles gegeben. Ich bin sehr zufrieden mit unserer Leistung. Quicks hat sich toll angefühlt und ich spüre, dass da noch so viel mehr geht. Ich freue mich sehr auf unsere Zukunft“, lautete Werndls positives Fazit.
Seine gesundheitlich schwer angeschlagene Schwester wollte es mit ihrer „Kiss“ im Grand Prix Special ebenfalls noch einmal wissen. Es sah zunächst sehr gut aus, doch Fehler in beiden Einer-Galoppwechsel-Touren kosteten viele Punkte. Mit 73,489 Prozent wurde es an diesem Tag der dritte Platz hinter dem Siegerpaar Charlott-Maria Schürmann mit Dante’s Pearl und Raphael Netz mit Great Escape Camelot. „Es ist unglaublich, wie viel unser Geist beeinflussen kann. Wie weit uns Fokus, Wille und Adrenalin manchmal tragen“, staunte Jessica von Bredow-Werndl. Allerdings sei der Grand Prix schon Beweis genug gewesen, erkannte sie rückblickend. Dennoch konnte die 40-Jährige aus der emotionalen Achterbahnfahrt auf den Münchner Turniertagen eine positive Erkenntnis ziehen. „Kiss hat mir trotz meiner Fehler ein Gefühl von Souveränität und Vertrauen gegeben wie noch nie zuvor. Sie hat das Potenzial für ganz oben“, ist sie überzeugt.
Der Weg der Werndl-Geschwister mit ihren jungen Grand Prix-Pferden Times Kismet und Quick Decision wird demnächst bei den deutschen Meisterschaften weitergehen. Wie jedes Jahr findet das Championat im Rahmen des Turniers Balve Optimum vom 3. bis zum 7. Juni im Sauerland im Bundesland Nordrhein-Westfalen statt.