Es gibt zwei Söhne, einen Vater, einen Hausknecht und zwei Geistliche. Außerdem natürlich eine ganze Räuberbande, besetzt mit zu allem entschlossenen Mannsbildern. Nur eine einzige Frauenrolle, die der Amalia, hat Friedrich Schiller in seinem ersten veröffentlichten Drama „Die Räuber“ angelegt. Die Regisseurin Leonie Böhm (Jahrgang 1982) ließ sich davon nicht beeindrucken. Mit vier Schauspielerinnen und einer Musikerin hat sie aus der Herrenrunde nun „Die Räuberinnen“ gemacht. Am 23. November feiert ihre Version an den Münchner Kammerspielen Premiere.
Was interessiert Sie an Schiller?
Ich mag seine Auffassung, nur im Spiel sei der Mensch wirklich frei. Dadurch bekam ich Lust, ein Stück von ihm zu inszenieren, um zu prüfen, wie man mit dem Schiller-Text diese Freiheit auf die Bühne bringen kann.
Was erwartet uns bei den „Räuberinnen“?
Ich versuche, aus all den großen Stoffen ein Kernthema zu kondensieren. Bei den „Räubern“ ist das: Bin ich Herr über mein Denken, oder bestimmt mein Denken mich? Wie erreicht man eine persönliche Freiheit auch im Spiel? Ich finde folgenden Gedanken Schillers spannend. Er meint: Wolle man das Laster stürzen, müsse man es „in seiner nackten Abscheulichkeit“ vor das Auge der Menschheit stellen und seine eigenen „nächtlichen Labyrinthe durchwandern“. Man muss sich also vor Augen führen: Woran leiden wir, dass wir so unfrei sind? Indem wir das durchdenken, haben wir vielleicht die Möglichkeit auf eine größere Handlungsmacht.
Das klingt therapeutisch.
Wenn therapeutisch bedeutet, dass wir durch das Spiel oder Zuschauen handlungsfähig werden, dann auf jeden Fall. Auch im politischen Sinn: Welche Handlungsmacht habe ich? Inwieweit sind wir Gestalterinnen? Das sind zentrale Fragen für das Zusammenleben und den gesellschaftlichen Wandel. In diesem Sinn bietet das Theater als Medium die Möglichkeit, durch das Spiel Selbstermächtigungsstrategien zu erforschen.
Bei Schiller sind die Protagonisten Karl und Franz durch den Vater bis ins Mark zugerichtet. Wo gibt es da eine Befreiung?
Punktuell gibt es sie, aber die Momente sind spärlich. Für mich ist es wichtig, die Chancen im Text zu erkennen und für uns nutzbar zu machen. In Bezug auf Franz heißt das: Er ist eine gequälte Person. Aber ich finde ihn insofern revolutionär, als er darüber nachdenkt, dass der Geist den Körper beherrschen kann. Wenn man seine Gedanken, die er für die Zerstörung des Lebens der anderen nutzt, für eine Selbstermächtigung nutzbar machen würde, indem man sagt, man zerstört das abhängige Leben der anderen, dann erhält man durch diesen Gedankendreher die Möglichkeit, die Momente der Freiheit zu potenzieren. Ich finde die Geschichte einer Zerstörung nur interessant im Hinblick auf die Frage, wann es produktiv ist, etwas zu zerstören.
Bei „Die Räuberinnen“ stehen fünf Frauen auf der Bühne. Was ist das Frauenspezifische an der Inszenierung?
Die Frage nach der Befreiung aus Abhängigkeitsstrukturen und dem Erkennen dieser Strukturen aus weiblicher Sicht.
Es ist oft schwer, Frauenfiguren wie Amalia zu ertragen. Auch in fortschrittlichsten Inszenierungen kommen sie nicht zu einer Ermächtigung. Wie kann man da etwas Befreiendes herausholen?
Schiller widerspricht sich hinsichtlich dessen, was er mit dem Stück probieren will und was textlich vorkommt. Uns geht es darum, die Rosinen herauszupicken, nämlich all das, was uns heute weiterbringen kann. Ich wünsche mir von den Spielerinnen, dass sie ein ehrliches Verhältnis zum Text entwickeln. Dass sie sich nicht in etwas hineinbegeben. Etwa bei Amalia: Sie sitzt zu Hause und träumt sehnsüchtig von Karl. Ein typisch weibliches Klischee. Wir fragen uns als Team: Wollen wir so etwas reproduzieren? Und wenn nicht: Was wollen wir dem hinzufügen? Ich finde es wichtig, dass auf der Bühne vorbildliches Verhalten stattfindet. Damit meine ich: Was gibt uns eine Idee davon, wie wir zusammenleben könnten? Womit wir wieder bei den „Räuberinnen“ wären. Diese haben ja bei Schiller ein kaum politisches Programm. Bei uns wird sich das ändern.
Wo widerspricht sich Schiller selbst?
Er hat den Grundgedanken, nur im Spiel sei der Mensch wirklich frei. Im Stück aber gibt es lauter stereotype Einzelpositionen. Es ist ein sehr moralisches Stück. Seine Stärken sind die Monologe, die aber auch etwas Statisches haben. Den Anspruch, dass man ins Spielen kommt, finde ich nicht eingelöst.
Theater darf wieder Spaß machen. Ist das auch ein Anliegen von Ihnen?
Auf jeden Fall. Ich wünsche, dass die Spielerinnen so auftreten, als würden sie alles aus dem Moment heraus entwickeln, als sei es ihr persönlicher Text. Wenn es gelingt, dass es den Spielerinnen selbst Spaß macht, dann erzählt sich ihre reale Sinnlichkeit mit. Bei mir als Zuschauerin werden dann durch meine Spiegelneuronen mein Spaß, meine Freiheit und mein Mitdenken wieder angekurbelt.
Das Gespräch führte Katrin Hildebrand.