Soul statt Chuzpe

von Redaktion

Münchner bejubelten The Bad Plus

VON REINHOLD UNGER

Anfang der Nullerjahre avancierten The Bad Plus mit einem raffinierten Konzept zur Kultband. Ihre fulminanten, ironisch gebrochenen Coverversionen von Queen, Nirvana oder Black Sabbath holten einen Teil des Pop-Publikums ab, während die Jazz-Gemeinde die postmodernen Dekonstruktionen von Stadion-Hymnen wie „We will rock you“ mit kennerhaftem Grinsen abnickte: Das gute alte Jazz-Piano-Trio mal ganz anders.

Vor zwei Jahren stieg Ethan Iverson aus. Der intellektuelle Piano-Nerd wurde durch den stärker in der afroamerikanischen Traditionslinie des Jazz verwurzelten Orrin Evans ersetzt: ein gelungener Kurswechsel, wie ihr umjubeltes Konzert in der ausverkauften Münchner Unterfahrt bewies. Ausschließlich Eigenkompositionen von Bassist Reid Anderson, Schlagzeuger Dave King und Neuzugang Evans spielt das wahrhaft basisdemokratische Trio an diesem Abend. Da wühlt etwa Evans minutenlang in einem groovenden Ostinato-Motiv, was Anderson die Freiheit gibt, die melodische Führung zu übernehmen, oder King, sich in vertrackten Metren auszutoben. Dann bricht Evans doch plötzlich in wild sprudelnde Läufe aus, um sich bald darauf der intensiven Modulation eines neuen Motivs zu widmen.

Ein weites Dynamikspektrum auslotend, vom Lyrisch-Pastoralen bis zu kompakten Energieschüben, bekennt sich diese Musik selbstbewusst zur Jazz-Tradition, aber umkurvt oft kreativ deren Konventionen. Nun könnte man sagen, The Bad Plus seien „nur“ noch ein exzellentes Piano-Trio, aber kein unverwechselbares mehr. Mindestens so viel spricht aber dafür, dass die Band pointierten Schabernack durch Reife und Substanz, Chuzpe durch Soul ersetzt hat – und damit zur noch kompakteren Einheit geworden ist.

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