„Größter Buchschatz der Menschheit“

von Redaktion

Die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmud ist nun Unesco-Welterbe

Die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmud, hier der Beginn des Traktat Brachot (rechte Seite), indem die Frage verhandelt wird, wann genau das Gebet „Shma Jisrael“ zu sprechen ist. © leic

Die Superlative purzeln en gros am Mittwochabend durch den Fürstensaal der Bayerischen Staatsbibliothek (Stabi). Von einem „einzigartigen Buch“ ist da die Rede, von einem „historischen Tag“ und einem „Werk frommen Fleißes“, ja sogar vom „größten Buchschatz der Menschheit“. Grundsätzlich ist man stets gut beraten, jeder Steigerungsform mit Skepsis zu begegnen. Steht man dann jedoch dem derart wohlklingend besungenen Werk in der Schatzkammer der Stabi gegenüber, ahnt man, dass alle Rednerinnen und Redner völlig richtig liegen.

Die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmud ist aus zahlreichen Gründen eine Sensation – und das ist nun auch offiziell dokumentiert. Das Werk, seit 1803 im Besitz der Staatsbibliothek, ist jetzt Teil des Weltdokumentenerbes der Unesco. Maria Böhmer, Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission, überreichte Dorothea Sommer, Generaldirektorin des Hauses, beim Festakt die Urkunde.

Zuvor war in konzentrierten 90 Minuten die Besonderheit dieser Talmud-Ausgabe von vielen Seiten beleuchtet worden. Sie wurde nach hebräischem Kalender am 17. Tevet 5103 (15. Dezember 1342) in Frankreich handschriftlich vollendet – und ist weltweit die einzige, die den gesamten Text des Talmuds enthält. Neben der Thora ist der Talmud die zweite textliche Grundlage des Judentums. Hier gibt’s Kommentare und Diskussion zur Auslegung der fünf Bücher Mose, zu Fragen des Gottesdienstes, da stehen religiöse und profane Verhaltensregeln neben Überlieferungen und Erzählungen. Die Handschrift ist also nicht nur aufgrund ihrer Einzigartigkeit, ihres Alters und ihrer Vollständigkeit ein Schatz. Sondern aufgrund ihrer scheinbar grenzenlosen Inhalte und der offenen Dramaturgie der Diskurse auch inhaltlich. Und dieses „Meer des Talmuds“, das seit 222 Jahren in der Stabi zu Hause ist, steht jetzt endlich unter dem Schutz der Weltgemeinschaft. Ein Grund zum Feiern!MICHAEL SCHLEICHER

Digitaler Besuch

Online kann die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmud hier bestaunt werden:
www.digitale-sammlungen.de/de/details/bsb00003409.

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