Jeder Schuss ein Gedanke

von Redaktion

Alessandro Baricco legt mit „Abel“ einen Western-Roman vor

Alessandro Baricco, Autor und Journalist. © H. Galuschka

Der Roman „Abel“ von Alessandro Baricco trägt den Untertitel: „Ein metaphysischer Western“. Baricco verbindet das klassische Wild-West-Genre mit philosophischen, aber auch mythischen Elementen. Sein Held heißt Abel Crow. Mit dem biblischen Abel hat er wenig zu tun. Abel Crow ist von Beruf „Pistolero“, Revolverheld und Sheriff in Personalunion: „Wenn du beide Pistolen ziehst, um zwei Ziele gleichzeitig zu treffen, dann heißt dieser Schuss der Mystiker. Ich weiß nicht warum, aber ich liebe den Mystiker. Ich führe ihn als überkreuzten Schuss aus.“ Diese Form von schusstechnischer Mystik führt Abel in den Bereich der Mathematik: „Im Übrigen war Gott, so behauptete Kepler, Geometrie in Reinform, bevor die Dinge zu Dingen wurden.“ Der Naturwissenschaftler und Naturphilosoph Johannes Kepler wird auch als pythagoreischer Mystiker bezeichnet. Dies deswegen, weil er mathematische Beziehungen als Grundlage für das Verständnis von Schöpfergott und Schöpfung ansah.

Abel Crow hat auch einen „Meister“, der ihm nicht nur Schusstechnik, sondern Existenzielles beibringt. Beide studieren gemeinsam Platons „Symposion“ – ein Muss für jeden denkenden Pistolero. In dieser Funktion ist Abel von biblischen Gestalten weit entfernt. Doch die Menschen, die ihn umgeben, haben Namen, die genau in diese Richtung weisen: Abels Schwester heißt Lilith. Diese galt in vorhebräischer Zeit als Dämonin und später als Adams erste Frau. Abel Crows Schwester hingegen ist wenig dämonisch, dafür klug und verbrecherisch veranlagt. Abels Brüder heißen wiederum David, Isaac, Joshua und Samuel. Alles biblisch gewichtige Namen. Und noch jemand zählt zu dieser illustren Runde: Abel Crows Geliebte. Sie trägt einen unwiderstehlichen Namen: „Hallelujah Wood“. Hallelujah ist halb Angehörige des indigenen Volks. Deshalb ist sie wild wie der Wilde Westen, schön, aber stachelig wie eine Kaktusblüte und schlau wie eine Präriefüchsin. Hallelujah liebt ihren Abel Crow und er sie. Und doch geht er fremd. Hallelujah schüttelt nur den Kopf: Ihr geliebter Pistolero muss halt nach gewonnenem Schießduell irgendwo seine Angst abladen – und sie ist nicht immer gleich zur Stelle.

Baricco ist nicht der Erste, der hinter Western-Stereotypen Tiefsinn festmacht. Doch vielleicht ist er der Erste, der einen metaphysischen Wild-WestRoman verfasst hat. Pistolenschüsse, Petticoats und feiste Flüche werden durch biblische, philosophische und mythische Elemente auf eine andere, höhere, zum Teil auch witzige Ebene gebracht. Mit „Abel“ liefert Baricco ein Meisterstück unangepasster Wild-West-Romantik. ANDREAS PUFF-TROJAN

Alessandro Baricco:

„Abel“. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Kampa Verlag, 160 Seiten; 23 Euro.

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