Waldkraiburg – Es ist im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs und regelmäßig bei den Sommerfestspielen in Schloss Nymphenburg zu sehen: das Ensemble Persona, das sich zum Ziel gesetzt hat, große Geschichten der Weltliteratur auf die Bühne zu bringen. So waren die Zuschauer neugierig, was da kommen sollte. Denn schon vor Beginn flanierten Schauspieler durch den Saal, ließen teils rätselhafte Andeutungen verlauten. Bis sich allmählich das Geschehen auf der Bühne entwickelte.
Unterwegs auf
einer Rachemission
Ismael (Nick-Robin Dietrich) heuert zusammen mit Queequeg auf dem Walfänger Pequod an. Auf ihre Frage nach Ahab, dem Kapitän, erfahren sie nur Ungenaues. Sie treffen Elias (Julia Gröbl) mit seinen merkwürdigen Prophezeiungen. Die Reise führt über die afrikanische Küste und Südamerika weiter in den Indischen Ozean. Als Ahab erscheint (Peter Kempkes), verspricht er dem eine Golddublone, der Moby-Dick, den weißen Wal, erlegt. Der hatte ihm das Bein abgebissen und damit im Kapitän unstillbare Rachegelüste ausgelöst.
Die Mannschaft verspricht – bis auf Starbuck, den Ersten Offizier (Anna März) – Unterstützung. So erlegt man auf der Fahrt durch die Weltmeere zahlreiche Wale, trifft auf andere Schiffe, bis ein Leck in der Pequod die Stimmung kippen lässt, denn Ahab will die Fracht zunächst nicht verringern.
Nach einem schrecklichen Unwetter lässt Ahab stur den Kurs halten, was Starbuck mit sich hadern lässt: Soll er den Kapitän töten? Immer wieder redet er auf ihn ein, bis tatsächlich Moby-Dick entdeckt wird: „Da bläst er, es ist der weiße Wal!“ Doch der zerstört alle Fangboote und nach dreitägigem Kampf „zerschellte er mit seiner Stirn den Bordbug des Schiffs“: die Pequod sinkt. Ahab verfängt sich in einer Fangleine und verschwindet in der Tiefe des Meeres.
Makaber: Queequegs (Tom Hospes) vorsorglich gezimmerter Sarg wird dessen Rettungsboot. Eines jedoch war von Anfang an im gesamten Stück ebenso zu spüren: Man verstand es, die ernsthafte Geschichte mit einer gehörigen Portion Humor zu würzen.
Dies alles geschah auf einer faszinierend gestalteten Bühne mit beweglichen roten Holztürmen. Dazu funktionierten reibungslos ständig wechselnde Beleuchtungseffekte. Eine Band mit Schlagwerk und Akkordeon untermalte geschickt das Geschehen, meisterhaft musikalisch gestaltet von Nicolo Falagario und Jovan Tomic.
Die Quintessenz des Stücks war von Anfang an deutlich erkennbar: Ahab selber fragte sich kurz vor seinem Untergang in einem Moment der Selbstreflexion: „Was ist dies nur für ein Dämon, dass ich rücksichtslos tue, was ich im Herzen nicht wagen würde.“ Demgegenüber erkannte als einziger der Mannschaft der zaudernde Offizier Starbuck einen guten Kern in Ahab und er zeigt in der trostlosen Abgeschiedenheit auf See seine unverbrüchliche Treue und Loyalität zu seinem Chef.
Erschreckend aktuell ist diese Vision Herman Melvilles von einem Herrscher, der die Fähigkeit mitbringt, Massen zu mobilisieren und sie für seine ungute Sache zu gewinnen. Kleine Wermutstropfen: Der Sturm auf hoher See dauerte zu lang und ebenso das ständige Marschieren einiger Akteure durch den Saal während des gesamten Stücks. Insgesamt gab es jedoch viel Applaus und mehrere berechtigte Vorhänge für das großartige Ensemble. Und ein junger Mann im Publikum – eine Seltenheit – erhob sich als Einziger bei seinem Beifall von seinem Sitz.