Mühldorf – Ein klassischer Kabarettabend war das nicht. Eine reine Comedy-Show aber auch nicht. Berni Wagner bewegt sich mit seinem Programm „Monster“ ziemlich genau in diesem Zwischenraum – dort, wo der schnelle Lacher nicht immer das wichtigste Ziel ist und wo Pointen gelegentlich erst einen Umweg über Nachdenklichkeit, Irritation und Selbstbefragung nehmen.
Männliche Rollenmuster
hinterfragt
Im Haberkasten brauchte der österreichische Bühnenkünstler zunächst ein wenig, bis der Abend wirklich in Fahrt kam. Der Auftakt wirkte etwas müde, manche Passagen tasteten sich eher voran, als dass sie sofort zündeten. Doch je länger Wagner spielte, desto deutlicher wurde, worauf dieses Programm hinauswill: Es geht nicht um bloße Männerwitze, sondern um die Frage, was aus Männern wird, wenn Angst, Scham, Kränkung und alte Rollenmuster an ihnen zu arbeiten beginnen.
Härte und
vermeintliche Stärke
„Monster“ heißt das fünfte Soloprogramm des Oberösterreichers, und der Titel ist nicht nur hübsch zugespitzt. Wagner sucht dieses Monster nicht irgendwo draußen, sondern in sich selbst und in einer Gesellschaft, die gerade wieder auffällig viel Gefallen an Härte, Angriffslust und vermeintlicher Stärke findet. Seine Bühnenfigur steht zwischen dem freundlichen, witzigen Kerl und einer dunkleren Seite, die lieber zuschlägt als versteht. Daraus macht Wagner keinen psychologischen Vortrag, sondern einen langen, textreichen Abend, der zwischen Selbstironie, körperlichem Spiel und gesellschaftlicher Beobachtung pendelt.
Ausgangspunkt ist eine Gewalterfahrung. Nach einem Polterabend wird Wagners Bühnen-Ich von einem Unbekannten attackiert. Der Tritt in den Rücken trifft nicht nur den Körper, sondern vor allem das Selbstbild.
Plötzlich steht die alte Frage im Raum: Muss ein Mann sich wehren können? Muss er kämpfen lernen? Und wenn ja, was lernt er dann eigentlich – Selbstverteidigung oder doch nur die nächste Variante von Angriff? Wagner führt diese Verunsicherung in die Welt des Kampfsports, wo Testosteron, Körperpanzer und einfache Sätze eine scheinbar beruhigende Ordnung herstellen. Nur dass diese Ordnung bei genauerem Hinsehen ziemlich brüchig ist.
Gerade hier zeigt sich eine der Stärken des Abends. Wagner kann spielen. Und zwar nicht nur ein bisschen. Er wirft sich in Haltungen, Stimmen und innere Kämpfe, lässt seine Figur körperlich arbeiten, ducken, aufbegehren, groß werden und wieder in sich zusammensacken.
Ein fähiger
Bühnenhandwerker
Dass er ein fast zweistündiges, stark textlastiges Programm ohne sichtbare Stütze durchzieht, ohne den heute auf vielen Bühnen fast schon üblichen Kontrollblick auf Tablet, Bildschirm oder Manuskript, ist beachtlich. Man merkt: Dieser Mann versteht sein Bühnenhandwerk. Selbst dort, wo nicht jede Pointe sitzt, bleibt die Präsenz stark.
Inhaltlich führt Wagner sein Publikum durch ein ganzes Feld angeknackster Männlichkeitsbilder. Es geht um Männerfreundschaften, um den Zwang zur Härte, um die Angst, schwach zu wirken, um Gewaltfantasien und um die komische Hilflosigkeit, die entsteht, wenn alte Rollenbilder nicht mehr passen, neue aber auch noch nicht selbstverständlich geworden sind. Wagner macht sich dabei nicht über Verletzlichkeit lustig. Eher legt er offen, wie absurd es ist, dass viele Männer gerade dann besonders hart wirken wollen, wenn sie eigentlich besonders unsicher sind.
Starke Momente
auf der Bühne
Nicht alles daran ist durchgehend urkomisch. Manches ist eher gedanklich interessant als pointensicher, manches muss man sacken lassen. Das Publikum im Haberkasten brauchte anfangs ebenfalls ein wenig, um sich auf diese Tonlage einzustellen. Wagner liefert keine Nummernrevue, in der ein Gag den nächsten jagt, sondern einen Abend mit längeren Bögen. Das kann zwischendurch etwas zäh werden, gerade wenn die gedankliche Konstruktion sichtbarer ist als der komische Funke. Doch immer wieder gelingen ihm starke Momente, in denen Beobachtung, Sprache und Körperspiel zusammenfinden.
Besonders treffend wird der Abend dort, wo Wagner das Private mit dem Politischen verbindet. Die Frage nach dem „Monster“ im Mann bleibt nicht bei der einzelnen Figur stehen. Sie weitet sich auf eine Gegenwart, in der Härte wieder als Tugend verkauft wird, in der Lautstärke oft mehr gilt als Nachdenken und in der Angst erstaunlich schnell in Aggression umschlagen kann.
Wagner nimmt diese Entwicklung nicht mit erhobenem Zeigefinger auseinander, sondern mit einer Mischung aus Spott, Unbehagen und erstaunlich viel Ernst. Sein Humor ist dabei selten gemütlich. Er kratzt eher, manchmal auch an der eigenen Figur.
Dass Berni Wagner aus Österreich kommt, hört man nicht nur an der Sprache, sondern auch an der Art des Denkens: ein wenig schräger, nicht ganz so glatt, mit einem Hang zur Überzeichnung, aber auch mit einer spürbaren Lust an genauem Formulieren. Er ist kein Entertainer, der sein Publikum sofort umarmt. Eher einer, der den Raum erst vermisst, dann die Temperatur prüft und schließlich doch immer mehr Zugriff bekommt.
Kein leichtes
Spaßprogramm
Im Haberkasten war dieser Zugriff nicht von der ersten Minute an da. Aber er kam. Am Ende stand ein Abend, der nicht restlos begeistert haben muss, um Respekt zu verdienen. „Monster“ ist kein leicht konsumierbares Spaßprogramm, sondern eine Mischung aus Kabarett, Comedy, Schauspiel und Gegenwartsdiagnose.
Berni Wagner stellt unbequeme Fragen zu Männern und Männlichkeit, ohne sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen. Seine Antworten sind nicht immer brüllend komisch, aber oft klug genug, um nachzuwirken. Und wenn der lange Applaus am Schluss eines zeigte, dann dies: Das Monster hatte sich Zeit gelassen – aber es war angekommen.