Wenn Ihr Leben aufregungsmäßig manchmal etwas sehr weit entfernt zu sein scheint von dem eines Stuntmans oder einer Stuntwoman: Sie können sehr einfach mehr draus machen. Bei meinem Sohn in der fünften Klasse steht aktuell das Thema Erlebniserzählung auf dem Lehrplan und alles an unserem Leben ist neuerdings aufregend.
Gut, dass es sie gibt, die Erlebniserzählung! Hätten sich die Bajuwaren beim Lagerfeuer nur langweilige Dinge erzählt wie „Morgen soll’s ja schneien – und was machst Du so?“ und nicht spannende Jagdgeschichten mit Einleitung, Hauptteil, Schluss, wer weiß, ob wir jemals solche Errungenschaften wie WLAN in der S-Bahn oder selbstreinigende Toilettenhäuschen erdacht hätten.
Oder man stelle sich vor, wie öde die langweiligen Geschichten von Sportskamerad M. wären, hätte er nicht vor 35 Jahren in Grundzügen gelernt, dass es so etwas wie einen Spannungsbogen gibt. Und wie viel häufiger müsste ich noch gähnen, wenn Nachbarin Müllermaierhuber nie was gehört hätte von „Reizwörtern“: Ist ja so schon langatmig genug, wenn sie die Nacherzählung ihres vierwöchigen Urlaubs mit den Worten beginnt: „Genau, also als wir losgefahren sind, war es ja erst mal so, dass wir mit Mühe den Bus erwischt haben, der uns zur S-Bahn zum Flughafen gebracht hat …“ Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, die Nachbarin nach ihrem Urlaub gezielt zu fragen: „Frau Müllermaierhuber, was waren die drei Highlights Ihres Urlaubs?“ Klar fällt dann Highlight Nummer 4, der Ringkampf mit Krokodil, vielleicht untern Tisch, aber: Ich hab ja auch nicht ewig Zeit.
Mein Sohn lernt jetzt, wie Geschichten spannend werden. Das Problem: Er ist durch und durch perfektionistisch, woher er das auch immer hat. Im Übungsaufsatz ging es zum Beispiel um die fiktive Geschichte, dass zwei Buben sich in einer Höhle verlaufen. „Die werden ganz schön Angst haben“, denkt unsereiner. Nicht so Kinder, die gerade „Erlebniserzählung“ lernen. Für meinen Sohn gab es unzählige Varianten, wie sich zwei Kinder in einer Höhle fühlen müssten. Schlottern die Knie? Klappern die Zähne? Klappern die Knie, schlottern die Zähne? Was ist richtig? Wie soll man’s sagen?
Für die Schulaufgabe gab ich ihm den Rat: „Stürz dich rein in die Geschichte wie ins Schwimmbad. Nicht nur großer Zeh.“ Mit Blick auf das Ergebnis kann man sagen: Auftrag erfüllt. Nicht nur, dass er mit der Note zufrieden war, er hatte auch eine Geschichte geschrieben, auf die jeder Action-Regisseur neidisch wäre: „Skitag des Grauens!“ Die Kurzzusammenfassung: Ein Junge rast auf den Abgrund zu, hält sich an einem Zweig gerade noch fest und wird zehn Zeilen später gerettet. Dazwischen das ganze Feuerwerk der Spannung, bis die Augen schlackern – oder waren’s die Ohren?
Machen wir unseren Alltag spannend. Hat sich nicht gerade die Tür bewegt? Was raschelt da so komisch? Und was macht der Schatten an der Wand? Mir schlottert die Zeitung. Das Leben kann so spannend sein.