Auf die Frage, was München von anderen Metropolen unterscheidet, gibt es etwa 1.500.000 richtige Antworten – so viele, wie es Münchnerinnen und Münchner gibt. Mein Favorit: das Verhältnis der Bevölkerung zur Trambahn. Die Münchner und ihre Tram verbindet eine Hassliebe, die schon der unvergessene Weiß Ferdl anno 1949 in seinem Couplet „Ein Wagen von der Linie acht“ verewigt hat. Hier prallt aufeinander, was in den Tiefen der menschlichen Seele brodelt: echte Liebe, ideologische Ablehnung, pragmatische Zustimmung, grantige Kritik und über allem das Bewusstsein, mitreden zu dürfen – nein: zu müssen, weil man ja als Fahrgast Experte ist.
Die Trambahn hat in ihrer 150-jährigen Geschichte Stadtviertel verbunden, politische Gräben aufgerissen und die Stadtgesellschaft je nach Anlass gegen äußere Feinde geeint oder im Inneren gespalten. Ersteres geschah 2015, als die Regierung von Oberbayern einer neuen Tram-Generation über Monate die Zulassung versagte, Letzteres bei jedem Modellwechsel.
Der sprichwörtliche Münchner Grant gebot, an der Neuen kein gutes Haar zu lassen. Den einen war sie zu laut, den anderen zu ruckelig, es galt, quietschende Faltenbälge und ratternde Weichensteller zu bemängeln, unbequeme Sitze, zu weiche oder zu harte Federung und, und, und. Die Kritikpunkte widersprachen sich oft diametral. Halbwegs einig waren sich die Münchner nur darüber, dass die Tram von Generation zu Generation schlechter wurde. Und darüber, dass der Untergang der Stadt bevorstand, als die Trambahn zur Jahrtausendwende ihr altes Kleid aus Zürcher Blau und Perlweiß ablegte und fortan im dunkelblauen Anzug mit Nadelstreifen fuhr. 26 Jahre später stelle ich erleichtert fest: Ganz so schlimm kam es dann doch nicht.
Ich freue mich auf den 17. Oktober, wenn die Veteranen des Münchner Nahverkehrs noch einmal zum Mitfahren einladen. Spontane Ausbrüche des Tram-Nostalgie-Virus (TNV) sind zu erwarten. „Dieses Quietschen – genau wie damals“, wird da mancher mit verzücktem Blick ausrufen. „Gleich ruckelt’s – grandios“, wird ein anderer sekundieren. Und alle werden sich einig sein: Früher war’s griabiger. TNV ist eine Abart des Erregers, den Mittelmeer-Urlauber Jahr für Jahr über den Brenner mit nach Hause tragen. Es lässt dieselben Menschen voller Inbrunst vom mediterranen Leben auf den Straßen in Bella Italia schwärmen, die sich Sekunden später lautstark über den Lärm der Kneipe in der Nachbarschaft beschweren. Diesem Erreger ist schwer beizukommen. TNV ist leichter zu kurieren: Man muss den Infizierten nur weismachen, dass die Stadt künftig wieder die historischen Modelle im Linienbetrieb einsetzen wird. Erst dann werden sie bereit sein, die Stadt so zu schätzen, wie sie ist. Auch mit der Tram, die sich doch im Grunde seit Weiß Ferdls Zeiten gar nicht so sehr verändert hat. Sie mag größer und moderner geworden sein, aber in den Stoßzeiten gilt noch immer: „Vorsicht, der Wagen ist besetzt!“