Im Umgang mit Donald Trump hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un eines gelernt: Um beim US-Präsidenten Gehör zu finden, muss man laut sein – und provokant. Insofern ist Kims leicht angesäuerte Neujahrsansprache, in der er – mal wieder – den Annäherungskurs beider Länder infrage stellt, als Wachrüttler Richtung Washington zu verstehen. Die Botschaft: Donald, wir müssen reden.
Reden wäre tatsächlich gut, denn im Verhältnis zwischen Nordkorea und den USA ist weniger geklärt, als es der Schmusekurs aus 2018 vermuten lässt. Kim beklagt in seiner Ansprache, sein Land rüste einseitig ab (was sich bislang aber wohl auf ein paar symbolische Maßnahmen beschränkt), während die USA stur an ihren lähmenden Sanktionen festhielten. Das mag sein, wahr ist aber auch: Beim viel gepriesenen Treffen beider Präsidenten Mitte des Jahres in Singapur gab es keine konkrete Einigung zu den US-Sanktionen. Trump deutete zwar ein Ende an, aber unter der Voraussetzung, dass Nordkoreas Atomwaffen keine Bedrohung mehr für die USA sind. Der Weg dahin ist noch weit – denn einen Zeitplan für den nuklearen Rückbau gibt es ebenfalls nicht.
Der Klärungsbedarf bei zentralen Fragen ist also groß, aber der Verständigungskurs selbst noch nicht in Gefahr. Kim weiß, dass ein Ende der Sanktionen der Schlüssel zur Entwicklung seines Landes ist und dass ein neues Auseinanderdriften die Sache, vorsichtig gesagt, nicht erleichtert. Zum Dialog gibt es keine Alternative.
Marcus.Maeckler@ovb.net