München – Als nationaler Partner des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) mobilisiert die UNO-Flüchtlingshilfe die deutsche Zivilgesellschaft, um Projekte des UNHCR finanziell zu unterstützen. Zugleich fördert sie Projekte für Geflüchtete in Deutschland. Wie steht es um diese Arbeit in Zeiten wachsender Vorbehalte gegenüber Fremden? Darüber sprachen wir mit Peter Ruhenstroth-Bauer, dem Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation.
Was ist von Willkommenskultur für Flüchtlinge noch übriggeblieben?
Allen Unkenrufen zum Trotz sehr, sehr viel. Auch für das vergangene Jahr können wir feststellen, dass die Willkommenskultur in Deutschland den Stresstest bestanden hat.
Im Osten ist die AfD besonders stark. Haben es Projekte für Geflüchtete dort schwerer?
Initiativen in Ostdeutschland berichten uns vermehrt über Schwierigkeiten. Ehrenamtliche müssen sich auch im eigenen Bekanntenkreis zunehmend rechtfertigen, das macht das Umfeld für diese wichtige Arbeit in Ostdeutschland teilweise schwieriger.
Wo steht Deutschland heute bei der Integration der Flüchtlinge?
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Integration von Flüchtlingen ist und bleibt ein fester Arbeitsplatz. Nicht nur, um Geld zu verdienen. Mindestens genauso wichtig sind die Gespräche mit deutschen Kollegen und das Kennenlernen ihrer kulturellen Erfahrungen. Wenn von den Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter, die seit 2015 nach Deutschland kamen, inzwischen etwa jeder Dritte einer Arbeit oder Ausbildung nachgeht, dann ist das ein großer Integrations-Erfolg, der alle rechtspopulistischen Horror-Szenarien Lügen straft.
Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit hier in Deutschland?
Wir unterstützen Initiativen, die Rechtsberatung oder psychosoziale Betreuung für Geflüchtete anbieten. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten kommt traumatisiert in Deutschland an. Nach geltendem Recht haben sie erst nach 15 Monaten ihres Aufenthalts die Möglichkeit, sich dagegen behandeln zu lassen. Das ist viel zu spät. Deshalb unterstützen wir psychosoziale Zentren, die solche Leistungen auch schon vorher erbringen. Es geht zudem auch viel um Integration.
Was passiert da genau?
Auch hier ein Beispiel: In München gibt es eine Initiative, die auf begleitende Maßnahmen für Geflüchtete bei ihrer Jobsuche und nach Beginn eines neuen Arbeitsverhältnisses abzielt.
Was wünschen Sie sich für dieses, gerade erst begonnene Jahr?
Ich wünsche mir ein noch stärkeres politisches Engagement für Menschen, die bei uns Schutz suchen. Die zum Teil sehr schräge, ja vergiftete öffentliche Debatte muss endlich wieder geradegerückt werden.
Soll heißen?
68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Davon sind ganze 2,5 Millionen in Europa untergekommen. Das bedeutet, wir tragen gar nicht die Hauptlast der Herausforderungen, wie es fälschlicherweise oft heißt. Unsere Gesellschaft muss das große Engagement der vielen Flüchtlingshelfer zwischen Flensburg und Garmisch, Saarbrücken und Chemnitz wieder besser zu schätzen wissen.
Interview: Stefan Vetter