München – Die Antwort überraschte dann doch. Als Markus Söder Ende letzter Woche gefragt wurde, wie sich seine Kanzlerchancen denn so entwickelt hätten, da zögerte er kurz. „Kann ich nicht beurteilen“, sagte er dann. Aber er habe das ZDF-Politbarometer gesehen. Das klang schon mal anders als das „Mein Platz ist in Bayern“-Mantra der letzten Monate. Andererseits klang es auch nur mäßig euphorisch.
Soll er, soll er nicht? Söder hat lange mit sich gerungen. In der CSU-Spitze heißt es inzwischen, er wolle zupacken, wenn sich die Chance bietet. Heißt: Wenn die Union ihn bittet, die Kandidatur zu übernehmen. Vieles spricht dafür: Etwa, dass ihm die Bürger das zutrauen – laut ZDF sind es 56 Prozent der Befragten. Dagegen spricht der Abwärtstrend der Union. Aus Sicht des risikoscheuen Söder eine Zwickmühle. In der CDU wird der Ruf nach ihm als Unions-Retter aber lauter.
„Wir müssen mit dem antreten, mit dem wir nach Umfragen die besten Chancen haben, und das ist mit großem Abstand Markus Söder“, sagte etwa der rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Johannes Steiniger dem „Spiegel“. „Bei mir an der Parteibasis kenne ich praktisch niemanden, der für Armin Laschet ist.“ Ellen Demuth, die im Mainzer Landtag sitzt, plädiert auch für Söder. Er sei ein Macher, sagte sie gegenüber RTL/ntv. „Nur ihm traue ich in der aktuellen Lage zu, die Wahl für die Union zu gewinnen.“ Die Bundestagsabgeordnete Ronja Kemmer sagte dem „Spiegel“, das „Vertrauen in Persönlichkeiten“ sei entscheidend. Auch sie sieht Söder vorne.
Die Union will sich bald entscheiden, womöglich kurz nach Ostern. Dass die Diskussion nun Fahrt aufnimmt, hat aber nicht nur mit dem nahenden Zeitpunkt zu tun. Auch das Kanzlerinnen-Interview vom Sonntag spielt eine Rolle. In der ARD kritisierte Angela Merkel die Corona-Politik von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet recht offen. Der CDU-Chef, Söders Konkurrent in K-Fragen, steht seither mit dem Rücken an der Wand. Dass Söder gleich nach Merkel in den Tagesthemen weiter gegen Laschet schoss, lasen manche als konzertierte Aktion.
Wahr ist aber auch: Die Pro-Söder-Stimmen kommen bisher aus der zweiten CDU-Reihe. Laschets Fürsprecher sind prominenter. Der thüringische Spitzenpolitiker Mike Mohring sagte ntv, er traue beiden die Kandidatur zu. „Aber Laschet ist nun neuer Parteivorsitzender der CDU – da muss er zugreifen.“ Noch offensiver ist Thomas Strobl: „Die CDU in Deutschland möchte, dass unser Bundesvorsitzender Laschet Kanzlerkandidat wird und im Herbst auch Bundeskanzler“, sagte der CDU-Vize. Diesen Eindruck habe er aus vielen Gesprächen gewonnen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff rang sich ein halbes Laschet-Kompliment ab: Kohl sei anfangs auch unterschätzt worden.
Noch ist die Sache offen – und Laschet scheint nicht gewillt, seine Hoffnung aufzugeben. Noch vor Ostern will der CDU-Chef seine Position mit einer programmatischen Rede stärken. Außerdem will er sich mit den Ost-Verbänden besprechen. Dort ist sein Rückhalt mindestens ausbaufähig. Die sächsische Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann forderte ihn sogar zum Verzicht auf die Kandidatur auf. Begründung: „Manches Material will einfach nicht strahlen.“ mmä/kr