Tübingen – In der Modellkommune Tübingen mit Lockerungen und massenhaften Tests sind die Corona-Fallzahlen stark gestiegen. Allerdings sei der Anstieg in etwa so hoch wie dort, wo mit Schließungen gearbeitet werde, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) am Montagabend bei einer Online-Gesprächsrunde mit Wissenschaftlern.
Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt sei bis Sonntag auf 66,7 gestiegen, sagte Palmer zudem den „Stuttgarter Nachrichten“. Damit hat sich der Wert innerhalb weniger Tage fast verdoppelt. Er sagte, der Anstieg mache ihm keine Sorgen. Dieser gehe eher nicht aufs Einkaufen oder den Theaterbesuch zurück. Problematisch seien jene Menschen, die abends in der Stadt Party machten. Es sei aber jederzeit möglich die Reißleine zu ziehen. „Das ist ein Experiment mit offenem Ausgang“, so Palmer.
Zugleich sieht das Stadtoberhaupt zunehmende Kritik am Tübinger Vorgehen. „Das Modellprojekt steht seit heute sehr unter Druck“, sagte der Grünen-Politiker. Viele wünschten sich, dass das Projekt scheitere. Er erhalte auch zahlreiche Morddrohungen. Insbesondere die Äußerungen von Bundeskanzlerin Merkel am Sonntag seien so verstanden worden, dass sie auch das Tübinger Modell in Frage gestellt habe.
Zuvor hatte sich Palmer angesichts großer Gruppen, die nach 20 Uhr auf innerstädtischen Wiesen Partys feierten, für nächtliche Ausgangsbeschränkungen ausgesprochen. Da gebe es keinen Abstand, sondern Alkohol. „Ich hätte gar nichts dagegen zu sagen: Ab 20 Uhr ist wirklich Ruhe“, sagte Palmer der „Bild“. Tagsüber könne geordnet in der Außengastronomie gesessen oder mit Maske eingekauft werden. „Und nachts sind alle daheim – warum nicht“, so der Grünen-Politiker. dpa/mm