Verfahren um George Floyd

Schicksalsprozess für die USA

von Redaktion

MARCUS MÄCKLER

Die Lücke zwischen Recht und Gerechtigkeit ist bisweilen groß. Manchmal ist das verschmerzbar – aber nicht in diesem Prozess. Weniger als ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd schauen die USA in höchster Anspannung auf das Verfahren gegen den Hauptangeklagten, den ehemaligen Polizisten Derek Chauvin. Von der Härte des Urteils gegen ihn hängt nicht nur das Seelenheil der Hinterbliebenen ab – sondern auch die Frage, ob das Land eine Chance auf Versöhnung bekommt.

Das mag dramatisch klingen – in Wahrheit ist es noch dramatischer. Denn in diesem Fall spiegelt sich der Kernkonflikt einer Nation wider, die sich selbst lange für so makellos hielt, dass sie die eigenen blinden Flecken großzügig übersah. Die Debatte um Rassismus, die hierzulande oft so verkopft geführt wird, ist dort eine Frage von Leben und Tod, und zwar jeden Tag. In George Floyd erkennen sich Millionen schwarzer Amerikaner wieder, die um Anerkennung, Würde und Gleichbehandlung kämpfen. All das wird nun mitverhandelt. Entsprechend groß ist der Druck auf Richter und Geschworene, in deren Haut man nicht stecken mag. Ein Freispruch scheint nicht ausgeschlossen. Aber sollte es so kommen, stünden den USA schwere Zeiten bevor. Es ist ein Schicksalsprozess für das Land.

Marcus.Maeckler@ovb.net

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