Wenn ich vor Jahren den in London geborenen Vater meiner Frau besuchte, traf ich dort wiederholt seinen englisch-jüdischen Freund Nicky Winton. In die Rauchschwaden ihrer Tabakpfeifen gehüllt, berichteten die beiden Herren mit englischem Understatement aus ihrem Leben, das sie nach dem Ersten Weltkrieg als Angestellte in einer Bank in London zusammengeführt hatte. Eher beiläufig erwähnte Nicky, wie er 1938 eigentlich zu Skiferien aufgebrochen war, dann aber in einem Café in Prag von einer verängstigten jüdischen Mutter angefleht wurde, ihre beiden Kinder durch einen Transport in das vor Verfolgung und Tod sichere England zu retten. Erwachsenen Juden war jede Einreise nach England durch die engstirnige Einwanderungspolitik verwehrt. Nur für Kinder wurde eine Ausnahme gemacht, wenn sie einen englischen Bürgen und eine aufnahmebereite Familie nachweisen konnten.
Statt wie geplant Ski zu fahren, verbrachte Winton von nun an jede freie Minute seiner Zeit damit, solche Bürgen aufzutreiben und für seine Kindertransporte zu werben. Solche Transporte waren auch schon aus Deutschland organisiert worden. Eine Zeitschrift veröffentlichte Bilder der „Winton-Kinder“. Und so konnten die rettenden Züge rollen. Auch nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag im März 1939 gingen diese Kindertransporte weiter bis zum Tage des Kriegsausbruchs. An diesem 1. September stand schon ein Zug mit einigen 100 Kindern abfahrbereit auf dem Bahnhof, der tragischerweise gestoppt wurde.
Nicky hatte Tränen in den Augen, wenn er in unserer abendlichen Runde davon berichtete. Zu diesem Osterfest habe ich Nicky wiedergesehen, als Sir Nicholas Winton in dem Film „One Life“ über sein Leben, der in diesen Tagen auch in Deutschland angelaufen ist. Mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle schildert der Film das äußerlich immer bescheiden gebliebene, lange Leben dieses Kinderretters, mit dem mein Schwiegervater ein Leben lang so eng verbunden war.
Über 10 000 Kinder, vor allem aus dem Deutschen Reich, sind damals durch die Aufnahmebereitschaft englischer Familien und das selbstlose Wirken von Menschen wie Nicky Winton gerettet worden. Nichts ist so geeignet, das Böse in dieser Welt zu befördern wie gute Menschen, die wegschauen und nichts tun. Unser Freund Nicky und viele andere Helfer des bedrohten Judentums in schrecklicher Zeit, darunter auch Deutsche, haben nicht weggeschaut. Heute erhebt unter ganz anderen Umständen eine neue Form von nationalem Faschismus mit rechten wie linken Politikern in vielen Ländern das Haupt. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.
Zu Ostern, dem Fest der Auferstehung und des Aufbruchs, bleibt die ernste Mahnung an uns, niemals wegzuschauen. Das Leben unseres Freundes Nicholas Winton ist nur ein Beispiel, wie viel ein Einzelner tun kann. Passiv zu verzweifeln gegenüber dem Bösen in der Welt ist unchristlich. Zu Recht hat die evangelische Kirche dieses Osterfest unter ein Wort des Theologen Dietrich Bonhoeffer gestellt: „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln“.
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