München – Der Arbeitstag eines Bundeskanzlers ist lang und zehrend. Als Friedrich Merz gestern Nachmittag beim Arbeitgebertag in der Hauptstadt eintraf, hatte er schon zwei Termine in Hamburg absolviert und noch eine Videoschalte zur Ukraine vor sich. Nicht viel mehr als eine Dreiviertelstunde blieb ihm da im Congress Center, dabei war die Dringlichkeit seines Auftritts schon dem Programm zu entnehmen. Vor Merz sprachen nicht nur die beiden SPD-Chefs, sondern auch Johannes Winkel, Vorsitzender der Jungen Union. Thema, natürlich: die Rente.
Nicht, dass es Neues gebe. Die Positionen sind starr, daran wird Merz‘ Auftritt nichts ändern. Wortreich zieht er den ganz großen Rahmen – Krieg, Trump, weltweit, Demokratiekrise – und lässt die Rente darin ganz klein aussehen. Irgendwann würden die Menschen an diese Zeit zurückdenken, „und die werden sich nicht an 48 Prozent Haltelinie erinnern“.
Annäherung klingt anders. Merz, für den ein Besuch bei den Arbeitgebern eigentlich ein Heimspiel ist, bittet um Geduld („Lassen Sie uns Zeit“) und verweist auf die Komplexität des Rententhemas. Gleichzeitig stellt er klar: „Ich bin nicht bereit, mit der Alterssicherung herumzuspielen nach dem Motto: Wer bietet weniger?“ Das geht in Richtung der Rebellen, denen er lediglich über eine Mitwirkung in der geplanten Rentenkommission Einfluss einräumt. Aber vorher will er den Gesetzentwurf durch den Bundestag bringen.
Dass das Winkel nicht reicht, weiß Merz. Der JU-Vorsitzende hat seine Position immer wieder klargemacht, zuletzt gestern Mittag. Es sei der falsche Ansatz, jetzt Geld auszugeben und erst in einem halben Jahr Änderungen am System vorzunehmen. Die Rentenpläne seien „nicht zeitkritisch“. Die Politik müsse die angestrebte große Reform erst einmal anschieben, bevor weitere Milliarden ausgegeben werden.
Winkel, der kurzfristig eingeladen wurde, hat da die volle Zustimmung des Gastgebers. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger wählt deutliche Worte. Mit einem Einfrieren des Rentenniveaus „versündigen wir uns an der kommenden Generation“. Auf dem Weg zu einer bezahlbaren Rente leiste das Paket „keinen Beitrag“. Zusammen mit dem „Wahlgeschenk namens Mütterrente“ komme man auf 200 Milliarden Euro Kosten in 15 Jahren.
Unterstützung erhält Merz vor allem von den Sozialdemokraten. Vizekanzler Lars Klingbeil lehnt Nachbesserungen ebenso ab („Ich bin sehr klar darin, dass wir dieses Gesetz jetzt beschließen sollten, wie wir es vorgelegt haben“) wie Sozialministerin Bärbel Bas. Sie stehe komplett zum Gesamtpaket und erwarte „dass diese Verlässlichkeit und Vertragstreue für alle Beteiligten gilt“.
Das Ringen geht weiter. Unions-Fraktionschef Jens Spahn hat ein Rentenpaket II ins Spiel gebracht, das die Rebellen befrieden soll, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche fordert die Anpassung des Renteneintritts an die gestiegene Lebenserwartung. In diesem Punkt hat Bas zuletzt Entgegenkommen signalisiert. Morgen tagt wieder der Koalitionsausschuss. Schon heute steht ein womöglich wegweisender Termin an. Vertreter der Jungen Gruppe treffen Spahn und Kanzleramtsminister Thorsten Frei.MARC BEYER