Der nächste neue Söder

von Redaktion

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München – Irgendwas fehlte an Markus Söder. Es war der Bart. Als der Ministerpräsident neulich oben ohne durch den Landtag lief, wurde alle paar Meter getuschelt und gefragt. Er hatte eine plausible Erklärung dafür parat, die er auch unserer Zeitung bei einem zufälligen Treffen im Fahrstuhl umgehend mitteilte: nur ein Versehen. Rasierfehler. Falscher Aufsatz auf der Maschine. Aber bleibt jetzt erst mal so.

Des Herrschers Haarpflege: sonst eher kein Thema der Politikseiten. Wer auf Söder genau achtet, kommt allerdings schnell zu anderer Erkenntnis. Die neue Optik passt, nun ja, haargenau zur politischen Typveränderung, um die sich der CSU-Chef gerade bemüht. Seit Frühjahr tritt Söder betont ernster auf. Es sind die kleinen Dinge, neuerdings fast immer Krawatte. Dazu die mittleren Fragen, ein strategischer Umbau der Digital-Kommunikation – seit Wochen kein einziges „Söder isst“-Motiv mehr in den sozialen Netzwerken, womit er früher Millionen-Reichweiten holte. Und auch die großen Positionierungen, der Aufbau einer eher vermittelnden, kompromissbereiten Rolle in der Berliner Koalition und der Umbau zum Teamspieler in der CSU, der plötzlich emsig Manfred Weber und Ilse Aigner lobt.

Nichts davon ist Zufall, nicht mal in der CSU glauben sie das. Bayern erlebt gerade den Versuch einer umfassenden Neu-Erfindung. Morgen folgt dazu der nächste wichtige Zwischenschritt: Söder tritt vor den Landtag und will im Ritual einer Regierungserklärung erläutern, wie er sich die zweite Hälfte der Legislaturperiode in Bayern vorstellt. Bilanz, Ausblick, schon auch Selbstlob, aber fürs ganze Team natürlich.

Dass sich Söder umdefinierte, gab’s schon mehrfach – mit neuen politischen Ämtern. Vom bissigen Generalsekretär zum staatstragenden Europaminister zum Beispiel 2007. Oder die Fortentwicklung zum Landesvater samt grüner Welle 2018/19. Weil extremer Fleiß, Netzwerk-Gabe und Medienverständnis bei ihm stets konstant blieben, klappte das immer. Diesmal steht politischer Druck dahinter. Es gärt in der CSU nach einer langen Serie mittelmäßiger Wahlergebnisse und speziell einer schlechten Kommunalwahl im März – und Söder weiß das. Sogar in der Landtagsfraktion, seiner wichtigsten Machtbastion, melden sich Kritiker offen zu Wort. „Mehr Demut, weniger Döner“ blieb als zugespitzte Forderung einer harschen Aussprache Ende März hängen. Einige Abgeordnete zweifeln, ob Söder der beste Kandidat für 2028 ist. So weit, das auszusprechen, geht aber bisher keiner.

Eine zentrale Rolle in der Macht-Statik der CSU nimmt schon immer der Chef der Landtagsfraktion ein. Kann oder will er die Reihen nicht mehr geschlossen halten, ist das für Ministerpräsidenten oft der Anfang vom Ende. Klaus Holetschek, mit Söder schon seit JU-Zeiten verbunden, wackelt in dieser Hinsicht bisher nicht. Dass Söder morgen vor das Parlament tritt, lobt er ausdrücklich. „Die Regierungserklärung kommt zum richtigen Moment. In diesen ernsten Zeiten können wir gar nicht genug erklären“, sagt Holetschek unserer Zeitung. Es sei „gut und richtig, dass der Ministerpräsident darauf eingeht“.

Dennoch: Begleitet wird das alles seit Wochen von Schilderungen bayerischer und überregionaler Medien einer Söder-Dämmerung. „Ihm entgleitet die Macht“ (Spiegel), „seine größte Krise“ (FAZ): Das mag vorerst übertrieben sein, wird aber im CSU-Kosmos genau gelesen. „Ein verunsicherter Söder – CSU-Chef auf Bewährung“, analysiert Politico.

Söder scheint die Demut/Döner-Sache deshalb nun umzusetzen. Offensiv. Er sprach es aus neulich im Interview mit unserer Zeitung, es wisse ja nun jeder, was er esse. Und zeigt sich kritikfähig, wie diese Woche in der ARD: „Ich empfinde es nicht als Majestätsbeleidigung, wenn mir jemand einen Ratschlag gibt.“ Wobei einige, die wirklich einen Rat geben oder die er im Verdacht hat, mit Journalisten zu tuscheln, diese Großzügigkeit noch nicht direkt erfahren haben.

Was er sagt morgen im Landtag, soll ins neue, ernste Konzept passen. Keine riesigen neuen Ankündigungen, zwei, drei Details vielleicht; vor allem aber eine Erfolgsbilanz. Er will das Bild einer Bayern-Koalition vermitteln, die harmonisch und zielstrebig werkelt (anders als in Berlin). Und Unruhe dämpfen. Auch deshalb wird er vorerst sein Kabinett nicht umbilden, zu groß wäre das Frustpotenzial abberufener Älterer und nichtberufener Junger.

Ungemach lauert auch in den Reihen der Opposition. Da wird über ein Volksbegehren nachgedacht, ein Zehn-Jahres-Amtszeitlimit für Ministerpräsidenten in die Verfassung zu schreiben. Also: Söder in Rente. Unklar, ob die Bayern das mitmachen würden. Aber anarchisch sind sie schon manchmal.

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