Dass die Rentenkommission empfehlen könnte, das Eintrittsalter schrittweise auf 70 zu erhöhen, stößt bei den betroffenen Jahrgängen (ab 1990) wohl auf wenig Begeisterung. Eher auf Zynismus. Ganz nach dem Motto: Macht es denn überhaupt noch einen Unterschied, ob ich schon mit 67 oder erst mit 70 keine Rente bekomme?
Doch Fatalismus ist fehl am Platz. Sollten Union und SPD tatsächlich den Mut aufbringen, der Reformempfehlung zu folgen, könnte die Politik endlich nachholen, was bei der Einführung der Rente mit 67 versäumt wurde: einen Faktor für die Lebenserwartung in die Rentengesetze einzubauen. Wenn das System auch für die jüngeren Generationen ab 1990 tragfähig bleiben soll, führt an einer schrittweisen Erhöhung der Lebensarbeitszeit wohl oder übel kein Weg vorbei. Immer weniger Beitragszahler finanzieren in Deutschland einen immer längeren Ruhestand für immer mehr Senioren.
Gleichzeitig werden wir nicht nur älter, sondern bleiben glücklicherweise auch länger gesund. Aufgrund des medizinischen Fortschritts wird die Lebenserwartung – wenn auch etwas flacher – in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen. Eine 70-Jährige, die 2060 in Rente geht, kann statistisch mit genauso vielen Ruhestandsjahren rechnen wie eine 67-Jährige, die sich 2030 aus dem Berufsleben verabschiedet: jeweils knapp 17,5.
Natürlich kommt eine Verlängerung des Arbeitslebens nicht für jeden infrage. Der Paketbote hievt mit 70 wohl keine Bestellungen mehr ohne Aufzug in den sechsten Stock, der viel beschworene Dachdecker erklimmt nicht mehr jede Leiter. Deshalb muss es Ausnahmeregeln geben. Dennoch arbeiten immer weniger Deutsche in körperlich hoch anspruchsvollen Berufen – heute knapp ein Viertel, Tendenz aufgrund des technischen Fortschritts sinkend.
Der Reiz der Empfehlung liegt auch darin, dass genug Zeit bleibt. Wer heute Mitte 20 oder Anfang 30 ist, könnte sein Berufsleben (fast) von Beginn an unter diesen Vorzeichen planen. Denn für erfolgreiche Rentenpolitik gilt: besser früh unbequeme Wahrheiten ansprechen, als an unrealistischen Versprechen festhalten.SOPHIA.BELLIVEAU@OVB.NET