So trägt Kiew den Krieg nach Russland

von Redaktion

Moskau wurde am Wochenende Ziel des größten ukrainischen Drohnenangriffs seit Kriegsbeginn. © PA/Ballin

München – Es ist mitten in der Nacht, als in ganz Moskau Explosionen zu hören sind. Drohnen schlagen in Ölraffinerien ein, in Fabriken, Wohnhäuser. Menschen flüchten in Tiefgaragen und Keller. Am nächsten Morgen hängt noch immer schwarzer Rauch über der Stadt. Szenen, wie man sie bislang aus Kiew kannte – nicht aber aus der russischen Hauptstadt.

Der Angriff am Wochenende war nach ukrainischen Angaben der massivste seit Kriegsbeginn. Mehr als 1000 Drohnen soll die Ukraine binnen 24 Stunden nach Russland geschickt haben, verteilt über das gesamte Land. In der Region Moskau sterben drei Menschen. „Der Krieg kehrt in seinen Heimathafen zurück“, sagt Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Mehr als vier Jahre nach Wladimir Putins Überfall hat Kiew den Krieg tief nach Russland getragen. Ukrainische Drohnen erreichen inzwischen Ziele in bis zu 2000 Kilometern Entfernung. Besonders im Visier: die Energieinfrastruktur. Laut Reuters mussten zuletzt fast alle Raffinerien in Zentralrussland ihre Produktion stoppen oder drastisch herunterfahren. Die russische Rohölförderung ist auf den niedrigsten Stand seit 2009 gefallen.

Es ist eine neue Phase im Krieg: Während die Ukraine anfangs nur einige hundert Drohnen pro Monat produzierte, sind es heute tausende. Auch, weil westliche Partner lange zögerten, weitreichende Waffensysteme zu liefern – wie zum Beispiel Deutschland beim Taurus-Marschflugkörper. „Dadurch blieb Kiew kaum eine andere Wahl, als eigene Langstreckendrohnen und Raketen zu entwickeln“, analysiert der Thinktank Atlantic Council. Heute verfüge die Ukraine über ein „modernisiertes Arsenal“ aus Drohnen und Marschflugkörpern.

Kombiniert wird das mit strategischen Mittelstreckenangriffen: Sie zielen auf Gebiete zwischen 30 und 180 Kilometern hinter der Frontlinie ab. Im Fokus sind russische Radar- und Flugabwehrsysteme, um erst die Logistik an der Front zu schwächen – und dann den Weg für schwerere Langstreckenwaffen zu öffnen.

Russlands Größe wird dabei zunehmend zum Problem. Elf Zeitzonen, riesige Distanzen, tausende potenzielle Ziele: Rund ein Viertel der russischen Landmasse und mehr als 70 Prozent der Bevölkerung liegen in Reichweite ukrainischer Langstreckenangriffe. „Russland ist schlicht zu groß, um vollständig geschützt zu werden“, heißt es vom Atlantic Council.

Putin hat das längst erkannt. Aus Sorge vor Angriffen verkleinerte der Kreml Anfang Mai sogar die Siegesparade in Moskau und ordnete eine zweitägige Waffenruhe an. Hinter den Kulissen wächst die Nervosität. Laut einem europäischen Geheimdienstbericht, der kürzlich an internationale Medien durchgestochen wurde, wurden die Sicherheitsvorkehrungen rund um Putin drastisch verschärft. Demnach wurden unter anderem Überwachungskameras in den Wohnungen seiner Mitarbeiter installiert. Außerdem meidet der Präsident sogar seine üblichen Residenzen bei Moskau und am Waldai-See. Der Kreml reagiert damit offenbar auf eine Serie ukrainischer Anschlagsversuche gegen russische Militärs. Allerdings: Putins Angst gilt dem Bericht zufolge längst nicht nur ukrainischen Drohnen – sondern auch möglichen Feinden in den eigenen Reihen.

Der Druck auf Putin wächst gleich an mehreren Fronten. Die Zustimmungswerte für den Präsidenten sind so tief gefallen, dass sie von Meinungsforschungsinstituten in Russland nicht mal mehr veröffentlicht werden. „Immer mehr Russen spüren nach über vier Jahren Krieg die Belastungen des Konflikts“, erklären Experten des Institute for the Study of War (ISW). Lange zeigte sich der Krieg im Alltag vor allem in steigenden Preisen und den Verlusten an der Front – sie nähern sich inzwischen der Marke von einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Nun aber ist die Front selbst vor der Haustür vieler Russen angekommen.

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