Aschau – „Der Abgang war mies.“ Sagt Brigitte Löffler am ersten Tag ihres Rentnerdaseins. Dass sie ihre Frisierstube mit 63 Jahren und elf Monaten schließen würde, das stand schon länger fest. Aber doch nicht so.
„Ich wollte mit meinen Kunden, fast alle jahrzehntelange Stammkunden, eine große Party zum Abschluss machen.“ So feiern, dass der Verkehr auf der Kampenwandstraße ins Stocken kommt. Es kam anders. Es kam die Pandemie.
Eine Institution, ganz ohne den Dorftratsch
Brigitte Löffler hatte 37 Jahre lang ihre Frisierstube, war eine Institution im Ort. „Ich habe immer darauf geachtet, dass bei mir nicht der ganze Dorftratsch breitgetreten wird“, sagt sie energisch.
Für Kunden, die die Friseurmeisterin als Psychologin oder Vertraute brauchten, für die hatte sie immer ein offenes Ohr. „98 Prozent Stammkunden, zum Teil in dritter Generation. Meine Mädels seit Jahren, Marianne sogar seit Jahrzehnten, bei mir – wir waren eine große Familie.“
Von der sie sich nicht verabschieden konnte. Am 15.Dezember sperrte Brigitte Löffler ihren Laden zu. Und machte ihn nie wieder auf. „Als es Anfang Januar hieß, der Lockdown wird bis Mitte Februar verlängert, war klar, dass ich einen Monat früher aus dem Laden gehe. Dem Nachmieter, einem Bäcker, war es recht.“
Das große Ausräumen begann. Michaela, eine ihrer Mitarbeiterinnen, macht sich selbstständig, übernahm einen Großteil des Inventars. „Ich habe trotzdem beim Ausräumen die eine oder andere Träne vergossen. Und wenn Kunden hereinkamen und sich traurig verabschiedeten, dann haben wir auch gemeinsam ,great‘“, erzählt Brigitte Löffler amüsiert.
Sie gibt unumwunden zu, dass ihr die Situation ganz schön zugesetzt hat, „daran habe ich richtig geknabbert.“ Was sie wurmt: Ihr goldener Meisterbrief, der hing nur ein paar Wochen in der Frisierstube. „Dabei ist der bei Frauen wirklich selten. Die meisten steigen irgendwann aus, oft wegen der Kinder.“
Im März 2020 hätte sie diese Auszeichnung bekommen sollen. Corona ließ es nicht zu.
„Es wurde September, in einem Riesensaal mit kaum Menschen drin – es war eine traurige Angelegenheit.“ Nix war‘s mit dem Glas Sekt für die Kunden, die zum Teil fast 50 Jahre Brigitte Löffler ihren Schopf anvertrauten. Von denen jetzt viele nachfragten, ob sie denn nicht, „so privat…, vielleicht weiter Hand anlegen würde.
Wird sie, aber nur bei einem ganz ausgewählten Kreis. „Ich darf ja was zur Rente dazuverdienen“, also meldet Brigitte Löffler ein Kleingewerbe an. „Meine alten Madel mit über 80 und über 90, die wissen gar nicht, wo sie jetzt hinsollen. Um die kümmere ich mich weiter.“
Tolle Torte statt großer Party
Sonst treffen die Aschauer Brigitte Löffler nur noch beim Einkaufen. Und wenn man dann wieder darf, vielleicht auch bei einem Kaffee. Zuhause, in Frasdorf, da hat die Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat, mit fast 64 Jahren Zeit für Mann, Kinder und Schwiegerkinder und vor allem für die jüngste Ergänzung des Löffler’schen Mehrgenerationenhauses, für das vier Monate alte Enkelkind. Da gab‘s für die Chefin statt großer Party eine kleine Feier mit toller Torte.
Der Laden ist leer, „seit drei Wochen schon“, die Fenster sind verhängt, nur das Logo an der Scheibe weist noch auf die Frisierstube hin.
Das Bader-Bankerl vor dem Laden aber ist weg. Dieses kleine Stück Aschau hat Brigitte Löffler mit nach Hause genommen.