Seelsorge auf Sicht – Beten ja, Abendmahl nein

von Redaktion

Wie die Kirche inmitten von Corona neu beginnt – Am Montag öffnen die ersten Andachtsstätten wieder

Rosenheim Man kennt Andreas Maria Zach auch als begeisterten Bergläufer. Im Moment wirkt er tatsächlich, als fieberte er einem Startschuss entgegen. „Auf den ersten richtigen Gottesdienst“, so sagt es der Pfarrer der Stadtteilkirche Rosenheim-Inn, „freue ich mich schon jetzt riesig, ganz gleich, wann er kommt.“

Am Montag, 11. Mai, öffnen die ersten Kirchen in Rosenheim wieder. Noch nicht ganz, noch nicht im vollen Umfang – also „richtig“ –, aber sie sperren die Türen wieder auf. Für Wortgottesdienste, mit verringertem Publikum, der Abstände wegen. Ein Rahmen, der alle Beteiligten vor Fragen stellt.

Warum erst jetzt? Oder warum schon jetzt? Die Gemeinde sei da nicht einheitlicher Meinung, sagt Pfarrer Sebastian Heindl, Seelsorger der Stadtteilkirche Rosenheim Am Zug. Er kenne auch Menschen, die noch Angst vor Ansteckung haben, gerade wenn mehrere Menschen sich in einem Raum aufhalten. Pfarrer Daniel Reichel, Dekan von Bad Aibling, Rosenheim und Chiemsee, spürt verhaltene Vorfreude. „Mein Motto ist in dieser Frage: Schritt für Schritt. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie ein Gottesdienst unter den Bedingungen des Schutzkonzeptes gefeiert werden kann.“

Ein Stückchen vorfahren, sich genau umschauen, bei Anzeichen von Gefahr wieder zurück – in der Politik heißt das „auf Sicht“. In der Region Rosenheim fährt in Zeiten von Corona auch die Seelsorge auf Sicht. Vorsicht lässt man walten, indem man erheblich weniger Sitzplätze ausweist, Desinfektion anbietet und auf das Abendmahl verzichtet.

Kein Hostienabgabe
mit Handschuhen

„Mit Handschuhen wäre das eine unmögliche Situation, und wir wollen doch Vorsicht walten lassen“, sagt Dekan Reichel. Zu Pfingsten soll das wieder möglich sein, bis dahin werden die Pfarrer sich und ihre Gemeinde auf die eucharistische Anbetung beschränken – das Gebet im Angesicht des Allerheiligsten, um sich der Eucharistie zu erinnern und sie zu vergegenwärtigen.

Als Behelf will das kein Priester verstanden wissen, sondern als legitimen Bestandteil des Gottesdienstes und als Brücke in schwierigen Zeiten, bis man das Gefühl für Gottesdienste in diesen Zeiten entwickelt habe, sagt Pfarrer Heindl. Der Verzicht sei eine gemeinsame Entscheidung: „Wir können uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Spendung der Kommunion ohne Kontakt beziehungsweise mit Handschuhen nur schwer vorstellen.“

Predigen, Sakramente spenden und die Schäfchen der Herde hüten: Der Beruf des Geistlichen beschränkte sich noch nie auf diese Dreifaltigkeit. Strukturen schaffen, Abläufe organisieren, führen – kurz: Management – das alles fordert die Pfarrer und ihre Mitarbeiter jetzt jedoch weitaus intensiver als sonst. Daniel Reichel wurde in den vergangenen Tagen immer wieder mal mit Metermaß in der Hand gesichtet, um auszumessen, wo man die Gläubigen in sicherem Abstand platzieren kann. Daher können Besucher auch nicht spontan kommen, „leider“, sagt Reichel. Das Schutzkonzept empfehle Anmeldung, wegen der nunmehr eingeschränkten Zahl von Plätzen. Allerdings gelten die üblichen Ausnahmen. „Familien, Paare und in einem Haushalt lebende Personen dürfen auch ohne zwei Meter Abstand in den Kirchen Platz nehmen“, sagt er.

Insgesamt fühlen sich die Pfarrer unterwegs auf Neuland. Der Aufwand sei groß, heißt es. Pläne und Anweisungen für Mesner und pastorale Mitarbeiter müssten ausgetüftelt werden, für Ordner und für die Vorleser, ebenso für die Sekretärinnen, die wegen Auskünften angerufen werden, sagt Pfarrer Heindl. Auch die Choreografie der Liturgie fordert Einfallsreichtum, etwa die Laufwege der Ministranten.

Es wird dauern, bis Normalität wieder Einzug gehalten hat, sehr lang. Ein Bergläufer wie Pfarrer Andreas Maria Zach wird seine Ausdauer gut brauchen können.

Konstruktive Diskussion

Auch die evangelische Kirche ist nicht zum frühestmöglichen Zeitpunkt gestartet, sondern wartet aufgrund der besonderen Corona-Lage bis zum Wochenende. Dekanin Dagmar Häfner-Becker weist darauf hin, dass das jede Gemeinde für sich entscheiden kann, wann sie die Regeln wie erlaubt lockert. Man stehe aber auf konstruktive Art miteinander in Verbindung: „Die Diskussionen verlaufen verantwortungsbewusst und intensiv.“ Daraus ergeben sich auch in ihrem Dekanat unterschiedliche Öffnungszeiten: Stephanskirchen, Haag, Prien und Kolbermoor zum Beispiel starten schon am Sonntag, andere Gemeinden warten noch. Abendmahl wird’s auch hier nicht geben, vorerst. „Auch ohne Abendmahl ist ein Gottesdienst für uns vollgültig“, sagt Häfner-Becker.

Michael Weiser

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