Am Ende ging es einer der beiden Schwestern nicht mehr gut. Nachdem die Kessler-Zwillinge gemeinsam in den Tod gegangen sind, flammt die Debatte um den assistierten Suizid neu auf. Der Wunsch schwerkranker Menschen, den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu wählen, verdient Respekt. Oft stehen dahinter Schmerzen, Erschöpfung und die Angst, anderen zur Last zu fallen. Eine reife Entscheidung möchte ich hier achten und nicht beurteilen. Und doch dürfen wir die Folgen nicht übersehen. Wird Sterbehilfe zur normalen Option, entsteht ein stiller Druck. Menschen, die schwer erkrankt oder pflegebedürftig sind, könnten meinen, ihre Existenz rechtfertigen zu müssen. „Darf ich noch da sein?“ Diese Frage legt sich wie ein Schatten auf viele Seelen. Ganz unrealistisch ist das nicht. Erst kürzlich wurde über die Rentabilität und Bezahlbarkeit kostspieliger Medikamente und Operationen im Alter sehr offen diskutiert. Dabei bleibt wahr: Jeder Mensch ist ein Geschenk – gerade dann, wenn das Leben zerbrechlich wird. In der Begleitung Sterbender habe ich über die Jahrzehnte oft erlebt: Das Heilige zeigt sich nicht in der Stärke, sondern im Ausgeliefertsein. „In deiner Hand liegt mein Leben“, heißt es in einem Psalm der Bibel. Ja, da war auch viel Leid. Das möchte ich nicht schönreden. Aber ebenso Reifung und Versöhnung mit Ungelöstem in der eigenen Lebensgeschichte. Am Ende war das Sterben immer wieder ein Weg zur Vollendung und zum inneren Frieden. Für mich bleibt der letzte Schritt ein heiliger Raum, den Gott hütet. Assistierter Suizid greift in diesen Raum ein, weil wir das Ende in unsere Verfügung nehmen. Darum brauchen wir eine Kultur der Ermutigung: Orte, an denen Leid geteilt wird, ohne dass jemand sich entschuldigen muss. Räume, in denen Hoffnung leise, aber treu bleibt. Niemand soll das Gefühl haben, gehen zu müssen – sondern getragen sein dürfen, bis zuletzt.