Ein Abschied ohne Antworten

von Redaktion

Zwei Prozesse, fast 50 Verhandlungstage, Verurteilung – und Freispruch: Der „Eiskeller“-Fall um den Tod von Hanna Wörndl schlug Wellen. Der OVB24-Podcast „True Crime zwischen Inn und Alpen“ rückt in Folge 1 Hanna und die Reaktionen auf ihren Tod in den Vordergrund.

Aschau im Chiemgau – 60 Beamte im Dauereinsatz, 700 Zeugen, weit über 1000 Zeugengespräche, Hilfe von Bergwacht, Wasserwacht und Feuerwehr, Hubschrauberflüge und am Ende deutlich über 20.000 Seiten Ermittlungsakten: Der Tod der 23-jährigen Studentin Hanna Wörndl in den frühen Morgenstunden des 3. Oktober 2022 löste die vielleicht umfangreichsten Ermittlungen in der Geschichte des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd aus.

Wohl auch, weil Hannas Tod die Region erschütterte und verunsicherte. Die ganze Gemeinde trauerte, weit über Bayern hinaus nahmen Menschen am Schicksal der jungen Medizinstudentin Anteil. Sogar eine Gruppe Lehrer ihrer früheren Schule nahm an der Trauerfeier um Hanna teil. „Auch als junge Frau warst du empathisch, hilfsbereit, herzlich, du bist immer auf dem Boden geblieben, warst nie überdreht oder überheblich.“ Das hatte eine Lehrerin in ihrem Nachruf geschrieben.

Es war eine Partynacht mit traurigem Ende. Hanna hatte kurz vor halb drei morgens den „Club“ Eiskeller verlassen und sich auf den Heimweg gemacht, keine 900 Meter weit. Doch sie kam nicht mehr zu ihrem Elternhaus. Zwölf Stunden später entdeckte ein Spaziergänger bei Kaltenbach ihren leblosen Körper in der Prien treibend. Die Prien führte nach dem Dauerregen im Herbst 2022 Hochwasser; der reißende Fluss hatte Hanna zwölf Kilometer weit getragen. Am Abend des 3. Oktober hatten sich die Gerichtsmediziner in München dann festgelegt – auf ein Gewaltverbrechen. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig.

Das Rätsel: Was geschah auf dem Heimweg?

Die Bilder der Überwachungskameras zeigten Hanna im Eingangsbereich, dann vor der Tür, schließlich, wie sie sich alleine auf den Heimweg macht. Kurz vor der Kampenwandstraße verschwindet sie im Dunkeln. Was passierte in den vier, fünf Minuten danach? Es gab keine Zeugen dafür. Die Polizei scheute keinen Aufwand, Spuren zu finden und Gäste des Clubs zu befragen.

Nach und nach tauchten Gegenstände auf, die Hanna gehört hatten. Ihre Jacke, die Handtasche, ein Ring – und schließlich, nach acht Monaten, ihr Mobiltelefon. Einen solchen Fall erlebe man höchstens einmal im Leben, sagte Hans-Peter Butz, Chef der eigens ins Leben gerufenen Soko „Club“.

Keine Tatzeugen, kein eindeutiger Tatort, keine DNA-Spuren, keine Tatwaffe. Dafür Hunderte Hinweise. Eine Spur vor allem schien heiß zu sein: Im Bärbach, unweit der Stelle, an der Hanna ins Wasser gelangt sein musste, wurde eine ungewöhnliche Armbanduhr der Marke „Holzkern“ gefunden. Hatte der Besitzer etwas mit Hannas Tod zu tun? Soko-Chef Butz startete sogar in der Sendung „XY ungelöst“ einen Zeugenaufruf. Im März 2023 konnte der Besitzer ermittelt werden: ein Mann, der mit der Tat nachweislich nichts zu tun hatte.

Erfolgversprechender erschien die Aussage verschiedener Zeugen, die an jenem Morgen einen Jogger in der Nähe gesehen hatten. Der Jogger, zunächst als Zeuge vernommen, geriet durch die Befragungen im Umfeld seiner Bekannten ins Visier der Fahnder: ein 20-jähriger Mann, ebenfalls aus Aschau. Eine Freundin sagte der Polizei, der junge Mann habe ihr am Abend des 3. Oktober Details erzählt, die nach Ansicht der Polizei nur der Täter wissen konnte.

Was bleibt: Trauer
und Ungewissheit

Die Zeugin war nicht zuverlässig. Das stellte sich später heraus. Dennoch führte ihre Aussage letztlich mit zu jenem Indizienprozess vor dem Landgericht in Traunstein, der mit der Verurteilung zu neun Jahren Jugendstrafe endete. Ein Urteil, das über ein Jahr später vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe kassiert wurde. Es folgte die Wiederaufnahme, die mit dem Freispruch endete.

So bleiben Hannas Eltern und ihrem Bruder nur Ungewissheit und Trauer. Mit einem Text, der einen beim Lesen heute, dreieinhalb Jahre später, noch immer tief berührt, erinnerte die Familie damals an Hanna. „Deine Zeit mit uns war viel zu kurz und doch so intensiv und gewaltig schön“, hieß es in der Todesanzeige in den OVB-Heimatzeitungen. „Du hast dein Leben gelebt und geliebt. Nun hast du deine große Reise angetreten. Wir bleiben hier mit Deinem Geschenk an wundervollen Erinnerungen.“

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