Buchbach – Erst ein Stall in Oberbergkirchen, wenig später ein Betrieb in Buchbach: Fast 90.000 Tiere mussten im nördlichen Landkreis Mühldorf gekeult werden, nachdem dort das Newcastle-Virus ausgebrochen war. Das Landratsamt erweiterte daraufhin die Schutz- und Überwachungszonen, die erneut auch Teile der Landkreise Erding und Landshut umfassten.
Seit März kommt es in mehreren Regionen Bayerns zu Ausbrüchen der Newcastle Disease (ND), auch atypische Geflügelpest genannt. Der erste Fall im Landkreis Mühldorf wurde bei Neumarkt-St. Veit festgestellt, weitere folgten in den Landkreisen Erding, Landshut und Rottal/Inn. Die Konsequenz war jeweils die Tötung kompletter Tierbestände, um eine weitere Verbreitung zu verhindern.
Bis zu 110 Euro
Entschädigung pro Tier
Heftige Kritik an diesen Maßnahmen äußert die Tierrechtsorganisation Peta Deutschland. In einem Appell an Mühldorfs Landrat Max Heimerl fordert sie, den „Ausstieg aus der Tierwirtschaft voranzutreiben“. Besonders die Häufung der Fälle alarmiere die Organisation: „Seit 1996 sind in Deutschland erstmals wieder Hühner und Puten betroffen. Dies ist bereits der 18. Fall in Bayern seit Februar 2026“, erklärte Peta vergangene Woche nach Bekanntwerden des neuen Falls in Oberbergkirchen. Statt Massentötungen und neuer Sperrzonen fordert die Organisation einen grundlegenden Wandel in der Landwirtschaft: „Weg von der Tierhaltung, hin zu veganem Ökolandbau.“
Zudem solle das Veterinäramt „tierfreundliche Alternativen zur pauschalen Tötung potenziell infizierter Tiere anwenden“. Erkrankte Tiere sollten isoliert und behandelt werden. „Solche Tierseuchen sind nicht lediglich ein Naturereignis, sondern auch Ergebnis der ausbeuterischen Tierindustrie“, erklärt Julia Weibel, Fachreferentin für Tiere in der Ernährungsindustrie bei Peta. „In den engen Ställen gibt es kaum frische Luft oder Rückzugsmöglichkeiten. Der dauerhafte Stress schwächt das Immunsystem der Tiere. So können gefährliche Krankheitserreger leichter entstehen, mutieren und sich ausbreiten“, so Peta.
Nach Ansicht der Organisation entstehen Risiken auch innerhalb der Tierindustrie selbst. Millionen Tiere lebten auf engem Raum, ihr Kot werde als Gülle auf Felder gebracht, die wiederum von Wildtieren genutzt würden. Auch internationale Tiertransporte würden die Verbreitung von Seuchen fördern.
Kommt es zu einer Infektion, werden alle Tiere eines Betriebs getötet. Peta sieht darin hauptsächlich wirtschaftliche Gründe: So sollten hohe Kosten und Gewinneinbußen verhindert werden. Zudem verweist die Organisation darauf, dass Tierhalter seit einer Gesetzesänderung Entschädigungen von bis zu 110 Euro pro Tier aus Seuchenkassen erhalten würden.
Veterinäramt: Isolierung kranker Tiere nicht möglich
„Die Newcastle-Krankheit ist eine weltweit verbreitete Viruserkrankung bei Geflügel und Wildvögeln, die durch ein Paramyxovirus verursacht wird. Eine spezifische Behandlung ist bei viralen Erkrankungen generell nicht möglich“, erwidert dazu Dr. Robert Kirmair, Leiter des Veterinäramts Mühldorf, auf die Forderung von Peta nach Isolierung und Behandlung erkrankter Tiere. „Die Mastküken erkranken in der Regel schwerwiegend – und sterben binnen weniger Tage.“
Sobald die Erkrankung sichtbar wird, habe die Infektion aufgrund des sehr hohen Ansteckungsgrades bereits den gesamten Stall erfasst. „Deshalb ist die Isolierung einzelner erkrankter Tiere nicht erfolgversprechend“, argumentiert Kirmair, der sich auch auf die geltenden tierseuchenrechtlichen Vorschriften bezieht: „EU-weit gilt, dass bei einem Newcastle-Disease-Nachweis der gesamte Bestand zu töten ist. Es gibt deshalb keinen Ermessensspielraum seitens des zuständigen Veterinäramts.“
Das bestätigt auch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL): „Die Maßnahmen sind europaweit in der EU-Tierseuchenverordnung vorgegeben und damit rechtlich bindend“, so Aleksander Szumilas, Pressesprecher des LGL.
Landrat Heimerl weist
Peta-Forderungen zurück
Peta-Forderungen nach einem grundlegenden Wandel der Landwirtschaft weist Landrat Max Heimerl zurück. Der Landkreis Mühldorf sei traditionell landwirtschaftlich geprägt, tierhaltende Betriebe würden dabei eine zentrale Rolle spielen. „Unsere Landwirte besitzen ein hohes Maß an Verantwortung und Fachkenntnis – für das Tierwohl, für die Qualität ihrer Produkte und für die Versorgung der Bevölkerung. Zudem sollte in einer pluralistischen Gesellschaft Raum für unterschiedliche Ernährungsweisen bleiben.“
Doch Peta warnt zugleich auch vor den Folgen sogenannter Zoonosen. Drei von vier neu auftretenden Krankheitserregern würden vom Tier auf den Menschen übertragen. Bereits 2004 habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die steigende Nachfrage nach tierischen Produkten als zentrale Ursache genannt. Covid 19, Vogelgrippe, SARS, MERS, Ebola und Aids hätten laut Peta einen gemeinsamen Nenner: die Ausbeutung von Tieren.
Das LGL verweist hingegen auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: „Zoonosen hängen von vielen komplexen Faktoren wie Bevölkerungswachstum, zunehmender Mobilität, veränderter Tierzucht und -haltung sowie den Veränderungen des Klimas ab.“ Weitere Informationen dazu seien beim Friedrich-Loeffler-Institut abrufbar.