Ein Stück gegen die Stille

von Redaktion

Mentale Gesundheit Rosenheimer Theaterprojekt will mit „All das Schöne“ Schülern in Not helfen

Rosenheim – Als das Junge Theater Rosenheim seine neueste Produktion „All das Schöne“ von Duncan Macmillan ankündigte, war klar: Hier geht es nicht nur um spannende Schauspielkunst, sondern um ein Thema, das tief sitzt. Es ist die Geschichte eines Menschen, der in seiner Jugend den Suizid seiner Mutter miterlebt – und daraus eine Liste der lebenswerten Dinge schafft, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird.

Mit seiner Mischung aus Trauer, Hoffnung und unerschütterlichem Humor entwirft Macmillan einen Monolog, der nicht nur berührt, sondern auch aufklärt: über Depression, über das Andauern von Schmerz – und über die Kraft, dennoch Schönheit im Leben zu sehen. Trotz der schweren Thematik ist das Stück erstaunlich leicht, stellenweise humorvoll und schafft genau das, was Theater kann: berühren, erklären und eine Perspektive öffnen.

Doch das Junge Theater Rosenheim lässt es nicht bei einer reinen Aufführung bewenden, sondern verfolgt ein Projekt mit doppeltem Boden. Gemeinsam mit Julia Zollner vom Kinderschutzbund Rosenheim und Franziska Eckmann vom Sozialraumteam Nord hat Theaterpädagogin Nicole Titus ein Workshop-Konzept entwickelt, das die Bühne mit dem echten Leben verbindet. „Wir klären spielerisch über psychische Gesundheit auf“, erklärt Titus.

Möglich wird das durch Spiele, Übungen – und die aktive Auseinandersetzung mit Textausschnitten aus dem Stück. Jugendliche schlüpfen in Rollen, diskutieren, reflektieren. So entsteht nicht nur Empathie für die dargestellten Figuren, sondern vor allem ein Raum für eigene Gefühle. Vier Klassen der Mittelschule Westerndorf St. Peter sind als Patenklassen beteiligt: Sie sind von Anfang an dabei, besuchen Proben zu Beginn und am Ende der Probenphase und diskutieren anschließend mit dem Produktionsteam. „Wir lernen die Theaterarbeit vor, auf und hinter der Bühne kennen“, sagt Titus, „und am Schluss steht der gemeinsame Vorstellungsbesuch.“ Für alle anderen Schulklassen gibt es eine Materialmappe. Lehrer erhalten sie bei der Buchung – gefüllt mit Hintergrundwissen, Übungen und Gesprächsimpulsen. Nach jeder Schulvorstellung wird zudem ein Nachgespräch angeboten – ein geschützter Raum, in dem Fragen gestellt, Erfahrungen geteilt und Gedanken geordnet werden können.

Für Julia Zollner vom Kinderschutzbund Rosenheim ist das Projekt nicht nur wünschenswert, sondern eine dringende Notwendigkeit. „Nach der Corona-Pandemie war es uns wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem schwierige Themen, wie Depressionen, angesprochen werden können“, so Zollner. Der Anstieg von psychischen Erkrankungen unter Jugendlichen sei deutlich spürbar – durch mehr Anfragen in der ambulanten Jugendhilfe, durch steigende Zahlen von Schulabsentismus, durch Gespräche mit Eltern und Kindern.

Beim Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes Rosenheim entfallen mittlerweile mehr als ein Drittel der Anrufe auf psychische Probleme; dabei nimmt die Zahl der Hilferufe bei Suizidgedanken, Sucht oder Essstörungen zu. Vor dem Theaterbesuch gibt das Produktionsteam eine klare Trigger-Warnung aus: Wer sich überfordert fühlt, darf den Saal mit Begleitung verlassen.

Zusätzlich liegen Infos zu Hilfsangeboten und Kontaktnummern vor Ort bereit. In der Materialmappe für Lehrer finden sich praktische Übungen, die dazu dienen, das Thema vorab zu verarbeiten, sowie ein Gesprächsleitfaden. Ziel ist es nicht nur, Bewusstsein zu schaffen, sondern den Jugendlichen auch echte Hilfestellungen aufzuzeigen: „Nicht nur sensibilisieren, sondern informieren, wie man sich selbst schützen kann und welche Anlaufstellen es gibt.“

Beim Kinderschutzbund sieht man in dem Stück auch eine besondere Kraft, da Theater ein kreatives Ventil sein kann – gerade für junge Menschen, die oft wenig Worte finden für ihre Ängste, ihre Einsamkeit, ihre Not. Das Projekt setzt auf praktische Einbindung: Jugendliche erleben die Proben, reflektieren das Stück, verarbeiten es gemeinsam. Diese Erfahrungen bleiben nicht nur beim Vorstellungsbesuch, sondern wachsen tief, nachhaltig – weil sie mitgedacht, durchgespielt und hinterfragt werden. „Wir wollen, dass die Schüler nicht nur zuschauen, sondern mitdenken, mitfühlen, mitarbeiten“, so Zollner. Im besten Fall nehmen sie mehr mit als nur ein Theatererlebnis: eine neue Sensibilität für psychische Gesundheit, das Wissen um Hilfsangebote – und vielleicht die Erkenntnis, dass „das Schöne“ auch im Kämpfen, im Weitermachen, im Miteinander liegt.

Das gemeinsame Projekt soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich mit eigenen Sorgen auseinanderzusetzen, denn Theater kann ein kreativer und geschützter Raum sein, sagt Zollner: „Manchmal bietet die Bühne Worte, wenn man selbst keine findet.“ Was die Zuschauer mitnehmen sollen? „Ein Bewusstsein für psychische Erkrankungen – und die Zuversicht, dass man nicht allein ist.“

Gespielt wird der Monolog erstklassig von Benedikt Zimmermann, der die menschlichen Brüche und den stillen Witz der Figur eindringlich und äußerst feinfühlig auf die Bühne bringt. Die Regie übernimmt Domagoj Maslov, die musikalische Leitung liegt bei Lukas Roth.

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