Selbstversuch in der Werkstatt für alle

von Redaktion

Im Rosenheimer Esbaumviertel lässt die offene Werkstatt „H3cke“ das Handwerk aufleben. Eine Reporterin hat versucht, ihre erste Tasse zu drehen und berichtet, warum Fehler dazugehören und wie das „Pay-as-you-want“-Prinzip für die Gründer funktioniert.

Das Gefäß dreht sich zwischen meinen zwei Zeigefingern. Durch etwas Druck wird die Tonwand immer dünner und höher. Foto Mischner

Julius Busch, Co-Gründer der offenen Werkstatt, erklärt zu Beginn die Basics. Foto Mischner

Rosenheim – Meine Hände umfassen mit den Handflächen das Gefäß aus Ton. Sie drücken es leicht zusammen, während sich der Ton auf der Töpferscheibe rasant um die eigene Achse dreht. Ich nehme eine Hand weg, um den Schwamm anzufeuchten. Zack, ein Schlitz in der Tonwand. Dieser sieht nicht nur ungut aus. Am Ende soll eine Cappuccinotasse aus dem Ton werden, da ist ein Schlitz unpraktisch. Ich ärgere mich. Julius, der Kursleiter, setzt sich an meine Scheibe und versucht, den Patzer so gut es geht wieder auszubessern. „Ob das noch etwas wird“, frage ich mich.

Spendenempfehlungen
der Gründer

„Unsere Töpferkurse sind aktuell fast alle ausgebucht“, sagt Julius Busch. Er hat zusammen mit Christian Schneider im vergangenen Jahr den Makerspace „H3cke“ (sprich: Hecke) gegründet. Dort finden neben Töpferkursen auch viele andere handwerkliche Kurse statt. Ob Holz, Metall, 3D-Druck, Laser, Nähen, Malen oder Schreiben – in der offenen Werkstatt können Interessierte neue Fähigkeiten lernen oder einfach die Geräte nutzen. Die Werkstatt funktioniert nach dem Prinzip „Pay-what-you-want“, also „Zahle, was du willst“. Die Gründer haben Spendenempfehlungen ausgehängt, erklärt Julius. Diese basieren auf den tatsächlichen Betriebskosten der Geräte.

Etwa eine Stunde vor meinem Missgeschick stehe ich mit vier weiteren Kursteilnehmern und Julius im Töpferstudio der „H3cke“. Es riecht erdig. „Ton ist letztlich nur ganz feiner Schlamm“, erklärt Julius. Jeder schneidet sich mit einem Draht 500 Gramm des grauen Tons vom Block. Anschließend wird er geknetet, um alle Luftbläschen herauszubekommen. Denn wenn sich in diesen Feuchtigkeit fängt und beim etwa 1000 Grad heißen Brennen verdampft und ausdehnt, platzt der Ton. „Das gehört dazu“, sagt Julius, „dass vieles kaputtgeht bei der Keramik.“

Mit dem gekneteten Ton in Zylinderform geht es endlich an die Töpferscheibe. Die Beine um die Scheibe gespreizt. Die Ellbogen drücken gegen die Hüfte, um genug Druck auf den Ton zu bekommen. „Man braucht Kraft und Frustrationstoleranz“, erklärt Julius. Daher empfehlen sie den Kurs an der Drehscheibe auch erst ab 14 Jahren. Grundsätzlich dürfen aber Interessierte jeden Alters in der Werkstatt vorbeikommen.

Damit das Gefäß keine Unwucht bekommt, muss der Ton mit ein wenig Drücken zentriert werden. „Das ist das Schwierigste“, sagt Julius. „Den ganzen Oberkörper anspannen, die Finger allein sind nicht so stark.“ Ich stemme mich mit Gefühl gegen den Ton. Wie viel Druck, da muss ich mich als Neuling buchstäblich herantasten. Ton befeuchten, Druck auf- und langsam abbauen. Gar nicht so einfach. Der Ton fühlt sich kühl an und ist nun durch das Wasser etwas schlammig. Die sechs Drehscheiben surren leise dahin. Ich konzentriere mich nur auf meine Hände und den Ton darin. Alles andere rückt in den Hintergrund.

Genau darin erklärt sich Julius Busch auch die Faszination fürs Töpfern. „Man sieht sofort, wie etwas entsteht.“ Eine Gegenbewegung zur digitalen Welt. „Das lernen immer mehr Menschen zu schätzen und suchen im Handwerklichen ihren Ausgleich“, sagt der Gründer. Auch Anfängern an den Maschinen wird jederzeit geholfen, denn einer der beiden Gründer ist immer vor Ort.

Die beiden sind das beste Beispiel dafür, dass man sich auch mit Neugier und Interesse viele Fähigkeiten selbst beibringen kann: „Weder Chris noch ich haben eine handwerkliche Ausbildung – leider. Wir haben beide studiert, aber das Handwerk als Hobby entdeckt, sind da sehr enthusiastisch und haben es über die Jahre ausgebaut“, erzählt Julius.

Bei voller Drehgeschwindigkeit wird der Zylinder nun aufgebrochen, also an der Oberseite ein Loch geformt. Mein Zeigefinger wandert dafür mit Druck in den Ton, zieht dann nach außen, um die Wand dünner zu machen. Unsere Bewegungen dürfen nicht zu langsam, aber auch nicht zu hektisch ausgeführt werden. Und langsam verstehe ich, was Julius am Anfang mit dem Satz „Verwerft eure Pläne und schaut, wie es läuft“ meinte. Mittlerweile sehen alle unsere Gefäße anders aus. Die Teilnehmerin mir gegenüber hat eine kleine flache Schüssel vor sich, der Mann neben mir einen hohen Becher. Hier gibt der Ton vor, was er werden will.

Das ist normal, sagt Julius. Er hat die Keramik 2021 für sich entdeckt und sich vieles selbst und durch Youtube-Videos beigebracht. Innerhalb der ersten acht Stücke lerne man, die gewollte Form umzusetzen. Nach 20 Stücken arbeite man immer zuverlässiger an seinen Stücken. „Da setzt eine steile Lernkurve ein“, sagt er. „Das macht die Leute dann auch süchtig nach diesem Handwerk“, spricht er aus Erfahrung und lacht. Auch er selbst lernt bei den Kursen noch immer dazu – vor allem beim Anleiten und Erklären. Besonders beliebt seien momentan Matcha-Schalen und Babybauch-Abdrücke, erzählt Julius. Dazu planen sie demnächst einen eigenen Kurs, bei dem Schwangere als Andenken eine Schale in Form ihres Babybauchs anfertigen können.

Seit August vergangenen Jahres entdecken immer mehr Menschen den Makerspace im Rosenheimer Esbaumviertel. „Es läuft gut und wir wachsen“, sagt Julius Busch. „Die meisten Menschen kommen, weil sie entweder keinen Platz, keine Maschinen oder kein Geld dafür haben. Diese können sie hier sehr niederschwellig nutzen.“ Das Angebot an Maschinen, Werkzeug und Kursen wollen die beiden in der nächsten Zeit erweitern: „Wir möchten alles bieten, was nachgefragt wird. Und das ist viel.“ Noch funktioniert das nicht. Daher wollen sie demnächst Förderanträge schreiben, denn „wir wissen, dass wir förderfähig sind“, so Julius Busch. „In über 90 Prozent der Makerspaces zahlen die Kommunen zumindest die Miete und das wäre natürlich herrlich.“

Cappuccino aus
der eigenen Tasse

Beim Glätten des oberen Tassenrandes passiert mir dann das Missgeschick. Ich ziehe die linke Hand zu schnell weg und der Zeigefinger kratzt einen langen Schlitz in die Tassenwand. Nach zwei Minuten hat Julius meinen Patzer ausgebessert. Ob es mir so passt, fragt er. Klar. Eine perfekte Tasse hätte ich mir kaufen können, meine hat nun Charakter. Am Ende wird der überschüssige Schlamm mit einem Spachtel abgezogen und die Tasse auf ein Holzbrettchen zum Trocknen gestellt. Nach zwei bis drei Wochen wird sie gebrannt und bereit, in einer der vielen Farben glasiert zu werden. Danach kann ich meinen Cappuccino das erste Mal aus meiner unperfekten, aber selbst getöpferten Tasse trinken.

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