Günther Koch kann es noch. Auch mit 77. Neulich ist er rückfällig geworden, hat sich, als die Bayern in Nürnberg spielten, beim von ihm initiierten Club-Fanradio ans Mikrofon gesetzt. 90. Minute, Elfmeter für Nürnberg, die Chance zum Sensationssieg. Wird Hanno Behrens schießen, obwohl er zuletzt nicht getroffen hat vom Punkt?
Koch fleht: „Hanno, du bist der Beste, der Liebste, aber tu dir das nicht an. Lass es den Leibold machen.“ Und Tim Leibold übernimmt. Koch reportiert: „Bitte, bitte. Leibold, mach keinen Schmarren.“ Dann hört man einen Aufschrei, den Mix aus Nürnberger Enttäuschung (wohl der Abstieg) und Münchner Triumph (Meisterschaft nahe). Koch: „Nein, nein, das ist der Club, ich halt es nicht aus. Wollt ihr wissen, wo er ihn hingeschossen hat? An den rechten Pfosten. Ich säg’ ihn ab auf meiner nächsten Stadionführung.“
Da war er also wieder, dieser Satz: „Ich halt es nicht aus.“ Zwanzig Jahre nach einer Radioreportage, an die man sich nun wieder erinnert. Die Abstiegsentscheidung von 1999 in der Schlusskonferenz des ARD-Hörfunks. Mit Günther Koch bei Nürnberg – Freiburg, mit Manni Breuckmann bei Bochum – Rostock, mit Dirk Schmitt bei Frankfurt – Kaiserslautern. Was auf den anderen sechs Plätzen passierte, war irgendwann egal, es ging nur noch zwischen drei Leuten hin und her. Eine Überschrift, die diese irre zweite Halbzeit zusammenfasst, wäre das Koch-Wort: „Hier ist Nürnberg. Wir melden uns vom Abgrund.“
Manni Breuckmann, 67, erinnert sich an die Arbeitsbedingungen, wie man sie 1999 als Kommentator im Stadion hatte. So ganz anders als heute, wo die Informationen über Internet in Echtzeit reinkommen, eine Tabelle immer aktuell vorliegt und auch das Fernsehbild zur Verfügung steht: „Wir hatten keine Monitore und keine Blitztabelle, und über die Kopfhörer gab es auch keine Information, welche Mannschaft gerade wo steht.“ Die Angst saß mit am Reportertisch: Erzählt man womöglich was Falsches? Ausgeprägt war das bei Dirk Schmitt vom Hessischen Rundfunk, damals 35. Breuckmann sagt: „Dirk hat Blut und Wasser geschwitzt.“ Schmitt erinnert sich, „dass es ein sauheißer Tag war. Ich hatte ein Blatt mit Tabellenvariationen und einen Bleistift neben mir liegen – aber die Sorge, dass ich mich verrechne.“ Und er mit einer falschen Information die Fans ungerechtfertigt in Tristesse stürzt oder ihnen das Gefühl einer Sicherheit vermittelt, die es nicht gab. Irgendwann bekamen die drei Spiele eine ausgeprägte Dynamik.
In Frankfurt etwa war zunächst gar nichts los gewesen. 0:0 zur Halbzeit. Große Sause dann zwischen der 70. und 82. Minute. Drei Tore für die Eintracht. Im gleichen Zeitraum rappelte es auch in Bochum. VfL-Ausgleich, VfL-Führung, Hansa-Ausgleich, Hansa-Führung.
Manni Breuckmann hatte Dienst in Bochum. Der VfL stand als Absteiger bereits fest. Breuckmann, dem Fußball im Ruhrgebiet verbunden, fuhr ohne große Emotionen zu seinem Einsatz, mit Rostock verband er nichts. Es beeindruckte ihn dann aber schon, dass 10 000 Rostocker nach Bochum gereist waren und dass dieser damals noch nicht sehr bekannte kleine Stürmer Oliver Neuville „mit blutigem Turban weiterspielte, nachdem Tomasz Waldoch vom VfL ihm das halbe Ohr abgetreten hatte“. Neuville, das war klar, würde zu Bayer Leverkusen wechseln – trotzdem haute er sich rein, als gäbe es kein Morgen. Das sprach für den Rostocker Spirit.
Er war ganz anders als der der Nürnberger, die von einem komfortablen zwölften Platz aus in den 34. Spieltag gingen und mit dem fünften Frankfurter Tor auf den 16. und in die Zweite Liga stürzten. Günther Koch, der drei Tage zuvor in Barcelona gewesen war und im Champions-League-Endspiel die „Mutter aller Niederlagen“ des FC Bayern (1:0 geführt, in der Nachspielzeit 1:2 verloren) begleitet hatte und sensibilisiert war, sah es kommen, wie der 1. FC Nürnberg auf den berühmten Abgrund zuschritt. Er monierte zu Beginn der zweiten Halbzeit, dass das Umfeld die Ernsthaftigkeit der Situation nicht realisierte: „Sie schlürfen Sekt und offerieren Eisbomben.“ Koch sagt mit der Distanz der Jahre, er hätte seinen Reporterplatz auf der Tribüne verlassen und mobil aus dem Innenraum berichten müssen, um die Mannschaft wachzurütteln. „Die Spieler waren ahnungslos.“
Er findet: „Ich war parteiisch und kritisch zugleich.“ Ein Widerspruch? Natürlich habe man aus seiner Stimme heraushören können, dass er dem Club zugetan ist (heute sitzt er ja auch im Aufsichtsrat, macht Führungen durch Stadion und Vereinsmuseum, gibt ausländischen Spielern Deutsch-Unterricht). Doch mit dem, was er sagte, schonte er 1999 niemanden. Und am Ende „habe ich Frankfurt und Rostock zum Klassenerhalt gratuliert“.
Diese Woche haben sich Günther Koch, Manni Breuckmann und Dirk Schmitt wiedergesehen, der „Kicker“ hatte sie nach Frankfurt zum Interview eingeladen. Breuckmann und Schmitt schmunzeln, weil den Kollegen aus Nürnberg der 34. Spieltag der Saison 1998/99 immer noch so beschäftigt. Koch sagt, etwaige Verschwörungstheorien, die er vielleicht mal geäußert habe, erhalte er nicht aufrecht: „Aber ich bleibe dabei: Es war zumindest auffällig.“ Diese Häufung an Toren in wenigen Minuten.
„Mir war klar, dass die Dramaturgie richtig gut und kaum wiederholbar war“, wusste Manni Breuckmann, nachdem er am 29. Mai 1999 das Mikrofon aus der Hand gelegt hatte. Spektakuläre Spiele lassen sich leichter übertragen als zähe, das ist eine Radioreporter-Weisheit. Breuckmann, der sich tendenziell selbstkritisch nennt, fand, „dass wir drei es ganz gut hinbekommen haben“. Koch meint: „Wenn wir daraus nichts gemacht hätten, wären wir fehl am Platz gewesen.“ Am Tag danach meldete sich bei ihm „Welt“-Chefredakteur Claus Strunz. Sein Blatt druckte die Dreier-Reportage im Wortlaut auf der Seite Drei ab. Für Dirk Schmitt („Ein Wahnsinnsglück, dass ich Dienst hatte“) verbindet sich mit 1999 die Erkenntnis: „Das Ereignis hat geglänzt und das Medium. Das Radio konnte seine Stärken ausspielen.“
Ihn sprechen die Menschen immer noch darauf an, zitieren Sätze aus seiner Reportage zu ihm. „Herrjeh! Welche Leistung!“ bekommt er ständig zu hören, sein Statement nach dem berühmten Übersteiger-Tor von Jan-Age Fjörtoft zum 5:1. Vor zwanzig Jahren sagte man zu ihm auch: „Du bist dringeblieben, der Koch ist abgestiegen.“ Schmitt: „Man hat die Vereine mit den Personen verknüpft, die über sie berichten.“ Hansa Rostock feiert den 20. Geburtstag des dramatischen Klassenerhalts sogar mit einem Alte-Herren-Spiel gegen Bochum.
Die Hörfunkreportage führte unweigerlich zu einem Preis für Günther Koch, Manni Breuckmann, Dirk Schmitt. Bemerkenswert: „In einer Zeit, in der die Fernsehpreise durch die Gegend flogen, wurden wir Radioleute im Rahmen einer Fernsehübertragung ausgezeichnet. Das fanden wir drei gut“, so Breuckmann.
Jeder bekam eine Trophäe. Eine Siegesgöttin Victoria. Manni Breuckmann sieht sie jeden Tag „bei mir auf dem Heizungssims stehen“. Sie lächelt ihn an. Und erinnert an einen unvergleichlichen Tag.