Bierhoff hat den Blues

von Redaktion

Das Stadionerlebnis um die Nationalelf steht in der Kritik – weil Eventisierung in ihrer schlimmsten Form stattfindet

Frankfurt – Es gab einen großen und ehrlichen Moment an diesem Frankfurt Fußballabend, den der Stadionsprecher schon zur Halbzeit und somit deutlich verfrüht „phantastisch“ nannte. Am Ende wurde den nordirischen Fans dafür gedankt, dass sie einen großartigen Stimmungsbeitrag geleistet hätten – und da rührten sich auch die deutschen Hände zum Beifall. Fans beklatschen Fans – schön.

Die letzten beiden Länderspiele 2019 wurden ja von der Frage begleitet, wie authentisch das Fußballerlebnis rund um die Nationalmannschaft überhaupt noch ist. Es hat wenig mit Bundesliga zu tun, das Publikum ist ein anderes, hier findet Eventisierung in ihrer schlimmsten Form statt. Synonym für das Falsche im Fußball ist der „Fanclub Nationalmannschaft“ geworden. Oder wie seine Kritiker voller Verachtung sagen: „Der Fanclub Nationalmannschaft powered by Coca Cola.“ Manchmal nennt man ihn auch „Bierhoffs Fanclub“.

Was nicht korrekt ist, denn gegründet wurde er bereits 2003, Oliver Bierhoff kam erst im Jahr darauf zum DFB, als Teammanager. Der Gedanke zur Gründung eines Fanclubs war 2002 entstanden, als der DFB bei der WM in Japan und Südkorea feststellte, dass er wenig wusste über die Anhänger, die ihn begleiteten. Er konnte sie nicht betreuen, es war alles unkoordiniert.

Heute ist der Fanclub Nationalmannschaft auf über 50 000 Mitglieder angewachsen. In der Kritik steht er aus mehreren Gründen. Er ist für den DFB ein Kontrollinstrument geworden. Man muss im Fanclub angemeldet sein, um bei Auswärtsspielen an Tickets zu kommen. Der andere Punkt, weswegen sich viele an der Institution reiben: ihre Inszenierungen. Sie sind reines Marketing. Kein Fan würde sich eine Fahne kaufen, auf der das Wappen des Verbandes und das Logo des Sponsors prangen, keine Kurve würde sich Slogans ausdenken wie „Die Qualifikation ist erst der Anfang für eine goldene Zeit. EURO 2020 – London is calling“, und niemand möchte das Liedgut anstimmen, das neuerdings eine Band vorzugeben versucht. Am Samstag in Mönchengladbach spielte im Fanblock eine angeheuerte Combo aus Blasmusikern in Fellkostümen auf, am Dienstag eine Gruppe aus Herren in knallroten Anzügen, die – kein Zufall – vor ihrem Auftritt im Zelt des Fanclubs Nationalmannschaft zusammensaßen. Sie boten dann einfachste Fanlieder an wie „Super-Deutschland“. Immerhin, diese Beschallung wirkte. Am Ende sangen die Zuschauer „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht geseh’n“.

Oliver Bierhoff leitete aus der guten Stimmung im Stadion dann ab, „dass die Fans ein Gespür haben, wenn was Ehrliches und Gutes geboten wird. 2018 haben wir sie mit der schwachen WM enttäuscht“, nun bewege man sich wieder aufeinander zu. Er verweist auf die Statistik („93 Prozent Auslastung der Stadien bei unseren Heimspielen, das ist Fakt“), räumt aber ein: „Der gefühlte Blues ist stärker als der faktische Blues.“ GÜNTER KLEIN

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