Oliver Bierhoff war für einen Moment unachtsam in den vergangenen Tagen. Da rutschte ihm die Bemerkung heraus, dass es 2020 doch sein könne wie 1996, als Deutschland (mit ihm und seinem Golden Goal) Europameister wurde: „Die letzten beiden Spiele des Turniers sind in London.“ So weit voraus sollte man die Gedanken aber doch nicht reisen lassen – denn 2018 hat sich das Prinzip „Das Turnier von hinten denken“ (und daher in Watutinki nahe Moskau wohnen) nicht bewährt.
Grundsätzlich sind sie vorsichtiger geworden bei der Nationalmannschaft. Die Ansagen sind nun verhalten, Schlagwörter wie „Umbruch“, „Entwicklung“ und „Potenzial“ bestimmen die Kommunikation. Bundestrainer Joachim Löw redet seine Mannschaft zwar nicht klein (das würden die Spieler auch gar nicht hören wollen), doch eben die Konkurrenten als im Vergleich dazu groß. Wenn man Löw so hört: Das Europameisterschafts-Teilnehmerfeld ist voller Favoriten, man selbst ist keiner. Er versucht, die Erwartungen zu senken, um nicht wieder arrogant zu wirken wie 2018. Zudem geht es um die Sicherung des Jobs. Nach inzwischen 15 DFB- und dort 13 Chefjahren und auf die 60 zugehend (schon mal den 3. Februar vormerken) ist Jogi Löw auf einer anderen Position im Fußball schwer vorstellbar. Ihm wird daran gelegen sein, noch ein paar Jährchen in seiner vertrauten Rolle zu erleben.
Dabei profitiert er von den Segnungen der Verbandspolitik. Der DFB hat es geschafft, dass er bei den kommenden beiden Europameisterschaften Heimvorteil genießen wird, 2024 komplett, 2020 in der Vorrunde in München. Nach den traumatischen Turniererlebnissen in Russland wird es der Mannschaft helfen, das Publikum hinter sich zu haben. Es ist wahrscheinlich, dass die deutsche Nationalmannschaft sportlich wieder die Kurve bekommt. An einigen Namen kann man sich hochziehen: Gnabry, Sané, Havertz, Kimmich, Kroos immer noch – es ist nicht so, dass nichts da wäre.
Die Stimmung um die Mannschaft herum war zuletzt schlecht, einige Interessenten werden sich für immer von ihr wegorientiert haben, weil sie des Rummels überdrüssig geworden sind. Der gewöhnliche Fan ist aber vergesslich und versöhnlich. Der deutsche Fußball könnte also mal wieder Dusel (gehabt) haben.
Günter.Klein@ovb.net