Fangen wir das neue Jahr mit einem kurzen Blick zurück an. Denn 2019 bescherte den Sportromantikern einen durchaus tröstlichen Aspekt. Die Topcharts der meistgesehenen TV-Sendungen führte hierzulande ausnahmsweise nicht der Fußball an. Sondern ein Handballspiel. Fast zwölf Millionen sahen das WM-Halbfinale Deutschland – Norwegen. Zumindest in dieser Hinsicht konnte die gewohnte mediale Dominanz des Fußballs durchbrochen werden. In einem Jahr ohne großes Fußball-Turnier und ohne Spektakel in der Champions League (Bayern-Aus im Achtelfinale), nutzten die – auch vom Fernsehen wiederentdeckten – Handballer tatsächlich ihre Chance, sich als von Dynamik und Dramatik geprägter Männersport zu profilieren. Ein Hoffnungsschimmer für alle jene, für die Sport mehr ist als nur Fußball.
Allerdings ist auch zum Jahrzehntwechsel die Prognose unvermeidlich, dass sich an den grundsätzlichen Verhältnissen höchstwahrscheinlich nicht viel ändern wird. Der Fußball wird weiter ein Massenpublikum mobilisieren, und in seine mediale Verwertung wird die Unterhaltungsindustrie weiter ihre Milliarden stecken. Für die restlichen Sparten bleiben da nur die Brosamen übrig. Die Tendenz geht sogar zu noch mehr Fußball. Zu Fußball total, wenn man so will. Die FIFA plant die Ausweitung der Klub-WM, die UEFA forciert die neugegründete Nations League. Auf europäischer Ebene wird vermutlich irgendwann die Superliga der Eliteclubs kommen. Das so rentierliche Geschäft mit dem Profifußball boomt weiter. Und das, obwohl die Zahl derer, die ihn kritisch sehen, immer mehr zuzunehmen scheint.
Unüberhörbar ist schon seit längerem das Murren über die hemmungslose Kommerzialisierung, die fast schon unmoralisch hohen Summen, die im Spiel sind, über die Skrupellosigkeit der Funktionäre. Und auch über die zunehmende Preisgabe der einst so nachdrücklich propagierten Vorbildfunktion. Die Stars von heute verzehren mit Blattgold überzogene Steaks, schrotten sündteure Limousinen, leisten sich Steuerhinterziehungs- und Sexskandale. Sicher, das gilt nicht für alle, aber eines zeichnet sich doch immer mehr ab: So richtig sympathisch kommt der Profifußball nicht mehr rüber.
Das ändert allerdings nichts daran, dass das Spiel an sich eben eine ganz besondere Faszination ausübt. Durchaus wirklichkeitsnah ist die Einschätzung, nur noch der Fußball biete ein Generationen und Schichten verbindendes Gemeinschaftserlebnis, er ist – so ein geflügeltes Wort – das letzte Lagerfeuer, um den sich ein Großteil der Gesellschaft versammelt. Das wird auch in diesem Jahr wieder so sein bei der ersten paneuropäischen EM.
Allen Freunden sportlicher Vielfalt sei allerdings geraten, sich schon in Bälde ein paar Fernsehabende freizuhalten. Am 9. Januar beginnt die Handball-EM. Wir wünschen Ihnen ein fulminantes Vergnügen.
Armin.Gibis@ovb.net