Die Vielseitige

von Redaktion

Jennifer Kettemann hat sich bei den Rhein-Neckar Löwen bewiesen – auch als Krisenmanagerin

VON PATRICK REICHELT

München – Was Corona zu bedeuten hat, das hat Jennifer Kettemann ziemlich früh kennengelernt. Die Pandemie nahm in Deutschland gerade erst Fahrt auf, da hatte es ihre Rhein-Neckar Löwen schon schwer erwischt. Gleich acht Handballer nebst Trainer Martin Schwalb und einem Betreuer wurden positiv getestet. Die Sache ging gut aus, die Fälle verliefen allesamt glimpflich. Doch spätestens in jenen Tagen wird die Löwen-Chefin geahnt haben, was für stürmische Tage auch den Sport treffen würden. Plötzlich verhandelte sie mit dem Gesundheitsamt statt mit Geldgebern, für die Spieler ging es um Quarantäne statt um Punkte. Heute kann die 38-Jährige darüber lächeln: „Ganz neue Herausforderungen.“

Immerhin haben auch die Löwen ihren Weg durch die Krise erst einmal gefunden. Noch ist die abgebrochene Saison zwar nicht vollends abgewickelt. Es stellen sich die Fragen, die sich für viele Funktionäre dieser Tage stellen. Was etwa passiert mit den verkauften Tickets? Alleine für die Schlagerspiele wie gegen Berlin und Magdeburg waren jeweils 10 000 Karten abgesetzt. Aber auch das wird wohl glimpflich enden. „Es ist sensationell, welches Entgegenkommen die Fans uns zeigen“, betont Kettemann.

Doch: Dass der Club so gut gerüstet scheint, hat sicher nicht ganz unwesentlich mit Kettemann selbst zu tun. Die gelernte Betriebswirtin hat schon öfter bewiesen, dass sie in stürmischem Fahrwasser eine umsichtige Kapitänin ist. Als sie 2016 antrat, waren die Löwen in finanzieller Schieflage. Die Altlasten haben sie „bis vor eineinhalb Jahren“ begleitet. Inzwischen ist er längst wieder gesund, der Verein, der in normalen Handball-Zeiten einer der großen Gegenspieler der dominanten Nordvereine THW Kiel oder SG Flensburg-Handewitt ist. Diese Qualität hatte Kettemann nicht jeder zugetraut. Irgendwie zunächst nicht mal so ganz sie selbst. Das Sportbusiness war „schon richtig Neuland“ für die Frau, die vom Software-Riesen SAP losgeeist wurde. Anders als die freie Wirtschaft, das hat sie schnell gelernt, „ist der Sport maximaler Erfolg unter Vermeidung der Insolvenz“.

Die zweifache Mutter hat die Sache mit ihren Stärken geregelt. Hat den Sport der Expertise von Manager Oliver Roggisch überlassen. Und doch selbst schnell gezeigt, dass sie weit mehr ist als eine kühle Rechnerin. Heute ist Jennifer Kettemann nicht nur längst anerkannt im Kreis der Handball-Schwergewichte wie Viktor Szilagyi (Kiel) oder Dierk Schmäschke (Flensburg). Sie ist die wahrscheinlich mächtigste Frau im Handball-Business. Die sich auch nie davor scheute, Kante zu zeigen. Auch der europäische Dachverband EHF hat das verschnupft feststellen müssen. Als man den Löwen 2018 zum wiederholten Male eine Terminkollision zwischen Champions League und Bundesliga bescherte, schickte sie kurzerhand die zweite Mannschaft des Vereins zum Königsklassenduell mit dem polnischen Spitzenclub aus Kielce während die Profis den Ligagipfel gegen den THW Kiel bestritten.

Und wer würde es ihr nun nicht zutrauen, dass sie die Rhein-Neckar Löwen auch durch die Dinge bugsieren wird, die die Corona-Krise nun noch mit sich bringen wird. Das Gesamtpaket ist geschnürt, soweit es geschnürt sein kann. Die Verträge mit den Geldgebern sind längst auch für die kommende Spielzeit geschlossen und unterschrieben. Doch Jennifer Kettemann ist eine Frau der Fakten, mit Prognosen hält sie sich bewusst zurück. Auch weil eine Unbekannte in den Bilanzen bleibt: „Wie es wirklich weitergeht, hängt doch vor allem davon ab, wann wieder vor Zuschauern gespielt werden kann“, sagte sie, „wenn das im Oktober passiert, dann ist das etwas ganz anderes, als wenn es vielleicht erst im Januar möglich ist.“ Die Löwen-Chefin hat schließlich schon früh kennengelernt, was Corona tatsächlich bedeutet.

Artikel 1 von 11