München – Stress kann es den Menschen im Allgemeinen und dem Sportler im Speziellen, kaum recht machen. Ist er in unnatürlichen Maßen vorhanden, bremst er die Leistungen des Athleten zumeist unbarmherzig aus. Hat sich der Stress jedoch gänzlich aus dem Leben verabschiedet, sehnt sich der Sportler plötzlich nach dem unliebsamen Freund.
Stress hat Alexander Zverev, Deutschlands bester Tennisspieler, gerade gar keinen. Mit seinem gesamten (Familien)-Clan verbringt die Nummer 7 der Welt die Corona-Zwangspause in Tampa. Sein Vater Alexander überwacht die drei Trainingseinheiten am Tag, Mutter Irina sorgt für das leibliche Wohl im angemieteten Ferienhäuschen. Und die Freizeit verbringt der 23-Jährige mit Bruder Mischa, der mit Sohn und Ehefrau ebenfalls in Florida weilt. Ein ruhiges Familienidyll im Sonnenstaat – würden nicht die verpassten Chancen durch den Kopf von Alexander Zverev schwirren.
„Ich fühle mich richtig gut, treffe den Ball sehr gut. Sogar der Aufschlag kommt gerade bestens. Da ist es für mich persönlich schon schade, dass ich meine Form nicht in einem Turnier präsentieren kann“, sagte der gebürtige Hamburger unlängst auf Instagram und hat auch eine Erklärung für seine gute Form parat: „Ich spüre aus meinem Umfeld keinen Stress mehr. ich bin frei, kann mich voll auf den Sport fokussieren.“
Vor genau einem Jahr war das Gegenteil der Fall. Da fraß der Stress abseits des Platzes das Ausnahmetalent förmlich auf. Vater Alexander lieferte sich verbale Scharmützel mit Ivan Lendl, dem damaligen Super-Coach seines Sohnes, und dieser stand permanent zwischen Vater und der Tennis-Legende. Zudem zog sich der Rechtsstreit mit Ex-Manager Patricio Apey in die Länge und geriet zu einem Rosenkrieg – genauso wie wenig später der endgültige Abgang von Lendl.
Doch diese Schatten der Vergangenheit konnte die ehemalige Nummer eins der Jugendweltrangliste hinter sich lassen. Anfang des Jahres stürmte er überraschend ins Halbfinale der Australian Open. Selbst eine vermeintliche Corona-Erkrankung konnte ihn nicht stoppen.
Dass er aktuell nichts machen kann, außer zu trainieren, ist für den Deutschen besonders bitter. Für einen Tennisprofi hat eine Phase mit schlechten Ergebnissen nämlich auch einen Vorteil: Im nächsten Jahr muss man bei diesen Turnieren keine Punkte verteidigen und kann schnell in der Rangliste nach oben klettern. Genau in so einer Situation wäre Zverev gerade. Wenn, ja wenn Profitennis aktuell möglich wäre.
Ob das dieses Jahr überhaupt noch mal der Fall sein wird, erscheint bei einem internationalen Wanderzirkus wie der Tennis-Tour äußerst fraglich. Doch nicht nur sportlich muss Zverev gerade verzichten. Auch in Herzensangelegenheiten stellt Corona ihn auf eine harte Probe. Seit Herbst 2019 hat der junge Deutsche eine neue Freundin, die er aber seit den Reiseeinschränkungen nicht mehr gesehen hat, da seine Brenda in Berlin festsitzt. Daher ist für Zverev klar, was er macht, sobald Lockerungen für den internationalen Flugverkehr beschlossen werden: „Ich möchte so schnell wie möglich nach Deutschland zurückkehren. Wenn alles geklärt ist, werde ich sofort ein Flugzeug nehmen. Ich vermisse es, mit meiner Freundin zusammen zu sein“, macht er klar.
Was sich zunächst nur wie eine Privatangelegenheit anhört, könnte für die deutschen Tennis-Fans zu einer guten Nachricht werden. Am 8. Juni startet das vom Deutschen Tennisbund initiierte Charity-Turnier, das den Profis im Wartestand über Wochen Matchpraxis bringen soll. Und im Gespräch mit unserer Zeitung versprach DTB-Vize Dirk Hordorff: „Für Alexander haben wir immer einen Platz frei.“
Womöglich wartet auf Zverev schon bald doppeltes Glück. Das Glück im Wiedersehen mit seiner Auserwählten. Sowie das Glück mit Duellen auf dem Tennisplatz unter Wettkampfbedingungen.
Klingt zwar wieder auch nach mehr Stress in seinem Leben. Aber dieses Jahr hoffentlich nur positiver.