München – Der frühere Formel-1-Pilot und Ex-BMW-Motorsportchef Marc Surer (68) begleitet die Königsklasse des Motorsports heute als TV-Experte. Im Interview äußert sich der Schweizer über die schwierige Situation der Formel 1 in Corona-Zeiten und die Perspektiven der Rennserie. Und er erklärt, was seiner Meinung nach das Beste für Sebastian Vettel wäre.
Herr Surer, wie hat sich die Corona-Pandemie für Sie geschäftlich ausgewirkt?
Ich bin vom Schweizer Fernsehen für zehn Rennen, bei denen ich als Experte vor Ort die Formel 1 erklären soll, engagiert worden. Das heißt, ich habe bis jetzt schon die Hälfte davon verloren. Ich muss jetzt abwarten, ob das wieder aufgefangen wird – etwa durch zukünftige Analysen vom Studio aus.
Red Bull nahm die Dinge in die Hand und machte ein Konzept, unter welchen Maßnahmen Rennen gefahren werden. Das Konzept wurde von allen Verantwortlichen abgesegnet, jetzt laufen die Vorbereitungen für die zwei ersten Saisonrennen an den beiden ersten Juli-Wochenenden in Spielberg/Österreich. Wie bewerten Sie das?
Auf jeden Fall positiv. Red- Bull-Chef Dietrich Mateschitz muss sogar viel Geld in die Hand nehmen, denn ohne Zuschauer fehlen Red Bull als Veranstalter wichtige Einnahmen. Ich bin beeindruckt.
Wie tief ist die Formel 1 in eine Krise geraten?
Sagen wir mal so: Dem Vermarkter Liberty fehlen zwar die Zuschauer an der Strecke, aber dadurch, dass gefahren wird, werden sowohl Fernseheinnahmen sowie die Beiträge der Sponsoren in die Kassen gespült. Richtig getroffen hat es die kleinen Teams. Denen fehlt das Geld an allen Ecken und Enden. Denen muss man jetzt helfen, um sie vor einem möglichen Bankrott zu bewahren. Da muss Liberty was tun.
Was muss die Formel 1 tun, um nach der Krise gut aufgestellt zu sein?
Die Budgetbeschränkungen sind extrem wichtig und auch nahezu kontrollierbar. Wenn man neue Teams will, muss man ihnen die Formel 1 finanziell schmackhaft machen und darf nicht von ihnen verlangen, für zig Millionen ein eigenes Auto zu entwickeln, für das man einen sündhaft teuren Windkanal braucht. Das Haas-Modell ist schon ein gutes Konzept. Die kaufen ja bei Ferrari alle Teile ein, die vom Reglement her erlaubt sind. Sie müssen beispielsweise nicht ein Lenkrad selbst entwickeln und sparen so viel Geld. Ich würde aber sogar noch weitergehen: Warum erlaubt man es nicht, beispielsweise einen Vorjahres-Mercedes zu kaufen und einzusetzen? Ein neues Team würde damit zwar nicht gewinnen können, aber es wäre für relativ wenig Geld gut aufgestellt.
Mit welchen Kräfteverhältnissen kann man beim Saisonauftakt rechnen?
Es wird ähnlich sein wie beim Wintertest in Barcelona. Mercedes und Red Bull wirkten dort am stärksten, während Ferrari hinterherhinkte. Das Problem ist, dass man keine wichtigen Daten seither bekommen hat, um das Auto zu verbessern. Ein Simulator, so gut er auch sein mag, kann die Praxistests auf der Strecke einfach nicht ersetzen. Bei Ferrari kommt erschwerend hinzu: Sie haben das erste Mal ein Auto gebaut, das nach Vorbild des Red-Bull-Designs leicht angestellt ist. Sie verloren Speed auf der Geraden, waren dafür durch besseren Abtrieb in den Kurven schneller als das Vorjahresauto. Ein solch extremes neues Konzept aber braucht eine Menge Zeit und Erfahrung auf der Strecke, um es richtig zu verstehen. Sie brauchen einige Rennen dafür.
Wie sehen Sie die Zukunft von Sebastian Vettel?
Für mich wäre es ideal, eine Traumvorstellung sozusagen, wenn er zu Mercedes wechseln würde. Bei Ferrari sehe ich keine große Zukunft mehr für ihn. Es würde zwar wie eine Flucht vor Charles Leclerc aussehen, aber wenn es bei Mercedes mit dem Titel klappen würde, wäre das schnell vergessen. Für Mercedes würde sich eine Verpflichtung von Vettel im Erfolgsfall ebenfalls lohnen. Denn sie könnten dann endlich einen deutschen Weltmeister vermarkten. Der letzte, Nico Rosberg, ist ja sofort nach dem Titelgewinn zurückgetreten.
Steht Vettel bei Mercedes nicht der Superstar Lewis Hamilton im Weg?
Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass Hamilton das Handtuch schmeißt und aufhören wird, sollte er den nächsten Titel gewinnen. Er motzt in letzter Zeit einfach zu viel über das Auftreten und das gesamte Umfeld der Formel 1. Deshalb habe ich diesen Eindruck gewonnen.
Wer sind die Fahrer, die Ihrer Ansicht nach die Königsklasse prägen und damit Lebenselixier für die Fans sind?
Ich sehe vier Superstars, um die sich alles dreht: Lewis Hamilton, Sebastian Vettel, Max Verstappen und Charles Leclerc. Die anderen sind mehr oder weniger nur Mitläufer und müssen sich hinten anstellen.
Als ehemaliger Motorsportchef von BMW wissen Sie sehr genau, wie Automobilkonzerne ticken. Können sich Mercedes und Co. in der momentanen angespannten Situation und beim umweltorientierten Zeitgeist finanziell und vom Image her die Formel 1 überhaupt noch leisten?
Imagemäßig auf jeden Fall. Gerade mit ihren Hybridmotoren zeigen sie ja, wie innovativ sie sind und zukunftsorientiert. Ihre Elektromotoren werden während des Fahrens aufgeladen, da sind sie der Zeit weit voraus. Wenn dann der Biosprit noch kommt, ist es perfekt.
Interview: Ralf Bach