München – Mehr als eine Zehntelsekunde waren es am Wochenende in jedem Lauf, sowohl im Zweier- als auch im Vierer-Bob. Aber inzwischen wirkt es fast schon so, als könne Johannes Lochner darüber nur noch lachen. „Immer wenn man denkt, es geht in die richtige Richtung, kommt der Franz – und lässt uns alle blöd aussehen“, sagt der 30-Jährige. Der Franz, das ist Francesco Friedrich, der Dominator im Eiskanal, frisch gekürt als Gesamtweltcup-Sieger im kleinen und großen Schlitten. Oder anders formuliert: der Mann, den es bei der Heim-WM ab Freitag in Altenberg zu schlagen gilt. Wenn nur irgendjemand wüsste, wie.
Es gab in diesem Weltcup-Winter, den Lochner als Zweiter (Zweier) bzw. Vierter (Vierer) der Gesamtwertung abschloss, schon Momente, in denen man den Berchtesgadener optimistischer erlebt hat. Erst ein paar Wochen ist es her, als er den Satz sagte: „Wenn einer den Franz schlägt, dann ich.“ Inzwischen, vor dem Saisonhöhepunkt, hört sich das alles etwas weniger euphorisch an. Die Aussage, mit der Lochner in die WM-Woche startet, lautet: „Wenn er nicht will, dass wir gewinnen, gewinnen wir auch nicht.“
Tatsächlich ist die Dominanz, die Friedrich seit Jahren, insbesondere aber in der laufenden Corona-Saison an den Tag legt, erdrückend. Auch Lochner ist ja kein Schlechter in seinem Metier – immerhin ein Mal konnte er Friedrich auch in dieser Saison ärgern. Und trotzdem beißt er sich an seinem Teamkollegen wie der Rest der Konkurrenz im Normalfall die Zähne aus. „Das komplette Feld“, sagt er, „ist Meilen entfernt“, Friedrich fährt einfach in seiner eigenen Liga. Egal, ob im Zweier mit Anschieber Alexander Schüller oder im Vierer, wo die Crew um Candy Bauer und Thorsten Margis erweitert wird. Das System Friedrich funktioniert auf jeder Bahn und bei jeder Witterung. Wenn Lochner sich die letzten Monate des Dauerrivalen anschaut, sagt er: „Das ist ein Denkzettel für uns.“
Er blickt mit diesen Worten bereits auf die kommende Saison, also die olympische. Und er weiß auch, dass es keinen Sinn hat, „alles abzukupfern, weil Franz und ich einfach grundverschieden sind“. Friedrich ist Bundespolizist, kann sich ganzjährig auf seine Förderung verlassen und auf den Sport konzentrieren. Student Lochner hingegen war im Sommer noch mit seiner Masterarbeit beschäftigt und musste das Training hintenanstellen. Das sieht man nun vor allem in den Athletik-Werten, die im Laufe der Saison zwar besser, aber nicht optimal wurden. Diverse Verletzungen im Team („zur Unzeit“) taten ihr Übriges. An Zufall allerdings glaubt Lochner nicht, vielmehr appelliert er an sein Team – wie Friedrich – ab dem Frühjahr „mit Hirn“ zu trainieren. Heißt: „Auf seinen Körper hören, früh reagieren, nicht überlasten.“ Anders wird auch mit Blick auf die Olympischen Spielen in Peking kein Weg an Friedrich vorbei führen.
„Die sind nie verletzt“, sagt Lochner, auch Friedrich selbst hat sich selten fitter gefühlt als aktuell. Dass er im Zweier am Wochenende nach seinem siebten WM-Serientitel greifen wird, steht so gut wie außer Frage. Es ist keine Kapitulation, wenn Lochner sagt: „Wir wollen um Silber fahren.“ Er kennt die Bahn in Altenberg, weiß, auf welches Material er setzt, hat die ideale Fahrlinie im Kopf. Und trotzdem gibt es eine Hausaufgabe für die beiden Wochen, über die sich die Titelkämpfe erstrecken.
„Ausruhen“, sagt Lochner lachend, außer den offiziellen Trainings wird er keine Einheiten ansetzen. Mit frischen Beinen hofft er dann darauf, im Rennen „ein Feuerwerk abzubrennen“. Nur so kann man sich Friedrich nähern. Vorbeikommen wird man: eher nicht.