München – Es ist ein paar Monate her, da nahmen Hansi Flick und der Mannschaftsrat des FC Bayern den Weg in die oberste Etage an der Geschäftsstelle auf sich. Ihr Ziel im Gang des Vorstands: das Büro von Karl-Heinz Rummenigge. Ihr Anliegen: Hilfe vom Chef persönlich. Es hatte die Runde gemacht, dass die FIFA im Corona-Jahr 2020 womöglich keinen Club-Weltmeister küren wolle. Das war für das Team, das unbedingt diesen sechsten Titel gewinnen möchte, natürlich eine echte Hiobsbotschaft.
Wie heute bekannt ist, konnte Rummenigge vermitteln. Die Club-WM findet statt, am Freitag in der Nacht fliegt der Triple-Sieger nach Doha – und das Ziel ist klar. Von einer „historischen Chance“ spricht der Vorstandsvorsitzende selbst mit Blick auf das mögliche Sextuple, das die Bayern im Wüsten-Emirat feiern könnten. Und er sieht, wie er im Vereinsmagazin „51“ schreibt, in der Mannschaft „diesen Erfolgshunger und diese Gier“ nach dem letzten noch zu vergebenen Titel, der das perfekte Jahr mit ein wenig Verspätung krönen würde.
Gier und Hunger, das sind ja beste Stichworte einer Nach-Triple-Saison, aber auch generell beim FC Bayern. „Immer alles gewinnen zu wollen, ist schon lange Bestandteil der DNA dieses Clubs“, sagt Rummenigge. Das hat einst ihm nach seinem eigenen Wechsel vor 47 Jahren Teamkollege Jupp Kapellmann zugerufen – und es ist heute noch so. Jede Spielergeneration müsse sich „seit nun schon mehr als 50 Jahren diesem Erfolgsdruck stellen“. Manche schaffen es besser, manche schlechter. Die Frage, an der sich aktuell die Geister scheiden, ist: Wie gut schafft es Leroy Sané?
Die ersten drei Titel hat das Team ohne den Nationalspieler gewonnen, beim europäischen Supercup in Prag – der in der Nachspielzeit gewonnen wurde – spielte er 70 Minuten, eine Woche später beim nationalen Supercup fehlte Sané verletzt. Einen echten Stempel hat der 50-Millionen-Star den Bayern noch nicht aufgedrückt, in Katar bietet sich nun eine neue Chance. Der Auftritt nach seiner Einwechselung am Samstag gegen Hoffenheim stimmt optimistisch. Der 25-Jährige brachte so viel Schwung wie selten zuvor im Bayern-Trikot. Das hat freilich auch Rummenigge auf der Haupttribüne registriert – und den Druck auf das Sorgenkind dennoch verstärkt.
„Er hat Weltklasse-Niveau in sich drin, und das erwarten wir von ihm“, sagte der 65-Jährige dieser Tage bei „Sky Sport News HD“ und führte seine Gedanken aus. Sie gehen in Richtung der angesprochenen Bayern-DNA – und lauten: „Leroy hat ein unglaubliches Talent, aber er muss trotzdem wissen, dass Bayern München ein besonderer Club ist, in dem alle mitziehen müssen, um die großen Ziele, die wir von uns selbst erwarten und die von uns erwartet werden, zu erfüllen.“ Sané sei da zwar ein „Spezialfall“ für den knurrigen Co-Trainer Hermann Gerland, aber: „Wir werden noch viel Spaß mit ihm haben, da habe ich keine Sorge.“
Rummenigges Eindrücke wurden im gestrigen Training bekräftigt. Mehrfach und lauthals lobte Flick Sané bei der ersten Einheit der Woche, der Zuspruch fiel auf. Womöglich ist da einer angekommen in dem Team, von dem Rummenigge sagt: „Gerade in der aktuellen Saison sieht man vielleicht besser denn je, was für eine Mentalität in unseren Spielern steckt.“ Sie haben „alles gewonnen – und wollen immer mehr“. Die Krönung in Doha ist das nächste Ziel. Für Sané könnte sie ein Anfang sein.