Akrobatik zwischen Kunst und Sport

von Redaktion

Münchner Breaker Perhat träumt von den Olympischen Spielen in Paris

München – Mit einem Vorurteil über Breaking räumt Serhat Perhat gleich auf. „Es ist ein Klischee, dass man dafür topfit sein und ein Sixpack haben muss“, erklärt der 24-Jährige. Bei Breaking, etwas verallgemeinert auch als Breakdance bekannt, denken die meisten Menschen sofort an akrobatische Moves, die höchste Körperbeherrschung und maximale Fitness erfordern. Natürlich sind die meisten Breaker als Nebeneffekt des Tanztrainings auch topfit, aber es gibt durchaus auch übergewichtige Tänzer, die Breaking auf ihre eigene Weise interpretieren und damit sehr erfolgreich sind.

Breaking bewegt sich an derSchnittstelle zwischen Kunst und Sport, der Geist wird ebenso gefordert wie der Körper. „Voraussetzungen sind ein offenes Herz, Selbstbewusstsein, Mut und Geduld“, erzählt Perhat, der der Münchner Breaking-Gruppe „Sankofa Crew“ angehört: „Einen guten Tänzer macht es aus, wenn man seinen eigenen Stil gefunden hat und nicht tanzt wie alle anderen. Und das auch rüberbringt.“

Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris wird es erstmals einen Breaking-Wettbewerb für je 16 Frauen und 16 Männer geben. Dass der Tanzstil, der sich in den 70er Jahren in New York im Zuge der Hip-Hop-Bewegung entwickelte, olympisch wurde, sorgte in der Szene für große Aufruhr. Denn die meisten Breaker sehen sich als Künstler und nicht als Sportler. Auch wenn es seit vielen Jahren sogenannte Battles gibt, steht der Wettbewerbsgedanke nicht an erster Stelle.

Perhat, der unter dem Künstlernamen Serhat Saïd antritt, kann sich mit dem olympischen Gedanken aber gut anfreunden. „Ich sehe es für mich und die Szene als riesige Chance, um eine neue Plattform zu haben“, erzählt der Münchner, der dem deutschen Olympia-Kader angehört und schon einige internationale Battles gewonnen hat. Die Olympischen Spiele könnten Breaking einer großen Öffentlichkeit näherbringen und den Tänzerinnen und Tänzern eine Chance zur Professionalisierung bieten. Schon jetzt genießt Perhat, der sich im Alter von 17 Jahren als Tänzer selbstständig machte und beim TSC Savoy München Kurse anbietet, die Vorzüge eines Kaderathleten wie Trainingscamps, Physiotherapie, eine kleine Unterstützung und natürlich jede Menge Motivation und Inspiration.

Die Battles selbst laufen in Runden ab, eine Jury bewertet den Auftritt. Weshalb die Leistungen im Breaking natürlich nicht so vergleichbar sind wie in anderen Disziplinen, wo es um Höhen, Weiten oder Geschwindigkeit geht. „An einem Tag kann man der Beste sein, am nächsten Tag kann man bei einem lokalen Event in einer kleinen Stadt verlieren“, erzählt Perhat. Viel hängt von der Tagesform ab, natürlich auch von der Jury.

Trotz dieser Unwägbarkeiten ist er sehr zuversichtlich, es nach Paris zu schaffen: „Ich bin jemand, der sehr fest an sich glaubt. Ich bin von meinen künstlerischen Fähigkeiten überzeugt, deshalb denke ich, dass meine Chancen gut sind.“

Eine Olympia-Teilnahme hätte für Perhat noch einen anderen Aspekt. Er ist München geboren, aber seine Familie sind Uiguren. Seine Mutter betreibt kulturelle Arbeit für die uigurische Gemeinde, sein Vater ist Journalist und politischer Aktivist, der sich gegen die Unterdrückung und Verfolgung der Uiguren durch die chinesische Regierung einsetzt, was die Familie nach München führte. „Die Situation dort ist gerade sehr problematisch“, erzählt Perhat, selbst Telefonate mit der Großmutter sind praktisch unmöglich, ohne dass die chinesischen Sicherheitsbehörden eingreifen und die Verwandtschaft in Gefahr gerät.

Die Olympischen Spiele könnten natürlich auch eine Chance sein, um auf diese Probleme hinzuweisen. „Ich möchte es deshalb umso mehr schaffen, der erste Uigure in einem olympischen Team zu sein, um ein gutes Licht auf mein Volk zu werfen. Wir sind auf der Flucht hierhergekommen, wenn ich es nun mit dem, was ich liebe, auf diese große Bühne schaffen würde, wäre das sehr inspirierend“, sagt Serhat Perhat.

CHRISTIAN STÜWE

Artikel 1 von 11