„Die Formel 1 hat drei Überflieger“

von Redaktion

Marc Surer erklärt, was Hamilton, Verstappen und Leclerc von den anderen Piloten unterscheidet

München – Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer (69) spricht vor dem Großen Preis von Spanien in Barcelona über die Fähigkeiten von Max Verstappen, Lewis Hamilton und Charles Leclerc, über Sebastian Vettel bei Aston Martin – sowie Mick Schumachers erste Leistungen bei Haas. Außerdem erklärt der Schweizer, was das Alter mit Rennfahrern macht.

Marc Surer, ist Max Verstappen für Lewis Hamilton der bislang härteste Gegner in seiner Karriere?

Fest steht: Er hat endlich mal wieder einen Gegner. Bisher war ja immer der Teamkollege sein einziger Rivale. Das Problem dabei: In der heutigen Zeit kannst du über Telemetriedaten herausfinden, was der andere anders gemacht hat – und darauf reagieren. Das ist auch ein Nachteil der heutigen Formel 1. So gesehen könnte Max schon der härteste Gegner seit Langem sein, weil Lewis das Duell nicht kontrollieren kann.

Wie schätzen Sie Verstappen generell ein?

Er ist ein Supertalent, da gibt es keine Diskussion. Er ist jetzt schon einige Jahre in der Formel 1, hat aber auch Fehler gemacht. Wenn er jetzt gegen Lewis um die WM fahren will, darf er die nicht mehr machen.

Hamilton ist 36, Verstappen 23 – was machen die 13 Jahre Altersunterschied zwischen den beiden aus?

Ich glaube, dass das ideale Rennfahreralter um die 30 liegt. Dann ist das Talent noch nicht verbraucht – und die Erfahrung kommt dazu. Diese Phase kannst du vielleicht fünf Jahre halten. Dann wirst du einfach älter, deine Reflexe lassen nach. Ein jüngerer Fahrer hat einfach bessere Reflexe und wird im Zweifelsfall der Schnellere sein. Aber trotzdem: Du kannst viel wettmachen mit Erfahrung: Wie hältst du deine Reifen am Leben etc.? Das ist vielleicht sogar mehr wert als das reine Tempo.

Was zeichnet Hamilton und Verstappen als Fahrer besonders aus? Und gibt es weitere herausragende Piloten?

Wir haben heute eine Situation, in der die Fahrer, die nicht so viel Talent haben, über Telemetrie und die Simulatoren vieles wettmachen können. Früher saß Ayrton Senna im Auto und war zwei Sekunden schneller als der Teamkollege. Der hat sich dann gefragt: Wie macht er das? Heute kannst du das alles analysieren, und irgendwann ist der Teamkollege genauso schnell, weil er alles sieht: Bremspunkte, Einlenkpunkte, Geschwindigkeiten. Wenn du allerdings in die Situation kommst wie in Imola, wo die Strecke halbnass ist, dann nützen die Simulatoren nichts mehr. Dann geht es nur darum: Was machst DU daraus?! Dann ist das pure Talent wieder gefragt. Aber eben nur dann. Das finde ich etwas schade, denn wir haben vielleicht drei Überflieger in der Formel 1: Verstappen, Hamilton und Leclerc. Die fahren im gleichen Auto dem Rest des Feldes davon. Aber wenn du jedem Fahrer einen Simulator zum Üben gibst, dann fahren alle mehr oder weniger gleich schnell.

Zu Sebastian Vettel. Für den läuft es bei Haas bislang garnicht. Wie weit ist er vom Rücktritt entfernt?

Wenn das Rennfahren zum Frust wird, könnte bald das Ende kommen. Du gehst ins Training und schaffst die Zeit nicht, die du wolltest. Das ist Frust. Irgendwann fragst du dich: Will ich das überhaupt noch? Ich denke, bei Sebastian ist es an der Kippe. Wenn es plötzlich wieder läuft, wird er zur alten Form zurückfinden. Aber wenn es weiter nicht läuft, was ja derzeit und letztes Jahr (da noch bei Ferrari, Anm. d. Red. ) am Auto liegt, dann glaube ich, dass es kippen könnte bei ihm.

Wie ist Ihr bisheriger Eindruck von Formel-1-Einsteiger Mick Schumacher?

Er hat einen schweren Stand. Er sitzt im schlechtesten Auto – und hat einen Teamkollegen, der keine Messlatte ist. Ich hätte es deshalb ideal gefunden, wenn Mick neben Kimi (Räikkönen, Anm. d. Red.) bei Alfa Romeo gefahren wäre. Denn von Kimi hätte Mick profitieren können. Mazepin kann zwar schon schnell fahren, aber er ist kein Maßstab. Wenn er den schlägt, ist das für die Leute nichts. Wenn er Kimi schlägt, wäre das was. Ich finde grundsätzlich: Er macht einen guten Job. Er ist konstant schneller als sein Teamkollege. Was er bis jetzt gezeigt hat, war gut.

Müsste man es jetzt schon merken, wenn er ein Überflieger wäre?

In dem Auto nicht. Mick hat bis jetzt keine Chance zu brillieren. Aber er hat die Chance zu lernen. Und das macht er.

Interview: Ralf Bach

Artikel 1 von 11